Freitag, 8. November 2013

Standpunkt 800 - Nachrichten-Ticker, 07.11.


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance... 

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: Hintergrundinformationen zur europäischen Sparpolitik und der Macht der Wall Sreet – Europas Krise – Staatsschulden: Wer übernimmt die Rechnung? – USA


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht"
Es ist mittlerweile schon mehr als ein Jahr her, daß wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Wir arbeiten schon längere Zeit an einem Upgrade. Unmittelbar nach der Bundestagswahl haben wir unseren Arbeitseinsatz erhöht, um unser neues Dossier kurzfristig zur Verfügung stellen zu können. Die lahmen Verhandlungen zur Bildung der Großen Koalition haben uns einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Das Upgrade ist nach unserer Ansicht nur dann vollständig, wenn wir auch die Pläne der neuen schwarz-roten Bundesregierung berücksichtigen. Sicherlich werden die schlimmsten Vorhaben nicht öffentlich gemacht, trotzdem wird es eine Menge Indizien dafür geben, wo die politische Reise in der kommenden Berliner Regierungszeit in Deutschland und Europa hingeht. Außerdem beschäftigen wir uns, neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte, mit den Vorschlägen von DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, der virtuellen Währung Bitcoin, dem Zypern-Modell, den Plänen der EU zur Bankenrettung, außerdem mit Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und den Folgen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


Die Nachrichtenlage ist heute dürftig und wir nutzen deshalb die Gelegenheit dazu, unseren LeserInnen mit zwei Beiträgen Hintergrundinformationen zur Verfügung zu stellen, die leider in den deutschsprachigen Leitmedien keine, oder nicht genügend, Resonanz finden. 

A cautionary tale - The true cost of austerity and inequality in europe
(oxfam.org) European austerity programmes have dismantled the mechanisms that reduce inequality and enable equitable growth. With inequality and poverty on the rise, Europe is facing a lost decade. An additional 15 to 25 million people across Europe could face the prospect of living in poverty by 2025 if austerity measures continue. Oxfam knows this because it has seen it before. The austerity programmes bear a striking resemblance to the  ruinous structural adjustment policies imposed on Latin America, South-East Asia, and sub-Saharan African in the 1980s and 1990s. These policies were a failure: a medicine that sought to cure the disease by killing the patient. They cannot be allowed to happen again. Oxfam calls on the governments of Europe to turn away from austerity measures and instead choose a path of inclusive growth that delivers better outcomes for people, communities, and the environment. Read more...

Kommentar: Dieser Report entlarvt die Lügen hinter der europäischen Krisenpolitik und der Rhetorik ihrer Verfechter. Wer ihn gelesen hat, muss sich nicht weiter kümmern um die Parolen aus Berlin, Brüssel und Frankfurt. Sie dienen nämlich alle ausnahmslos dazu, rund 500 Millionen Europäer über die Folgen der Krise im Dunkeln zu lassen und bei den Plänen zur Lösung hinters Licht zu führen. Immer wieder warnen wir davor, diesen Scharlatanen, angeführt von der deutschen Kanzlerin und ihrem Finanzminister, auf den Leim zu gehen. Es scheint, als hätten wir hierzulande keinen großen Erfolg, wie die vergangene Bundestagswahl gezeigt hat. Wir sind uns aber sicher, dass am Ende die Wähler von CDU/CSU und SPD bitter dafür büßen werden. Leider aber alle anderen auch.


Turning a Blind Eye: Why Washington Keeps Giving In to Wall Street
(law.gwu.edu - The George Washington University Law School) As the Dodd–Frank Act approaches its third anniversary in mid-2013,  federal regulators have missed deadlines for more than 60% of the required implementing rules. The financial industry has undermined Dodd–Frank by lobbying regulators to delay or weaken rules, by suing to overturn completed rules, and by pushing for legislation to freeze agency budgets and repeal Dodd–Frank’s key mandates. The financial industry did not succeed in its efforts to prevent President Obama’s re-election in 2012. Even so, the Obama Administration has continued to court Wall Street’s leaders and has not given a high priority to implementing Dodd–Frank.

At first glance, Wall Street’s ability to block Dodd–Frank’s  implementation seems surprising. After all, public outrage over Wall Street’s role in the global financial crisis impelled Congress to pass Dodd–Frank in 2010 despite the financial industry’s intense opposition. Moreover, scandals at systemically important financial institutions (SIFIs) have continued to tarnish Wall Street’s reputation since Dodd–Frank’s enactment. However, as the general public’s focus on the financial crisis has waned—due in large part to massive governmental support that saved Wall Street—the momentum for meaningful financial reform has faded.

Wall Street’s political and regulatory victories since 2010 shed new  light on the financial industry’s remarkable success in gaining broader powers and more lenient regulation during the 1990s and 2000s. Four principal factors account for Wall Street’s continued dominance in the corridors of Washington. First, the financial industry has spent massive sums on lobbying and campaign contributions, and its political influence has expanded along with the growing significance of the financial sector in the U.S. economy. Second, financial regulators have aggressively competed within and across national boundaries to attract the allegiance of large financial institutions. Wall Street has skillfully exploited the resulting opportunities for regulatory arbitrage.

Third, Wall Street’s political clout discourages regulators from  imposing restraints on the financial industry. Politicians and regulators encounter significant “pushback” whenever they oppose Wall Street’s agenda, and they also lose opportunities for lucrative “revolving door” employment from the industry and its service providers. Fourth, the financial industry has achieved “cognitive capture” through the “revolving door” and other close connections between Wall Street and Washington. A widely-shared “conventional wisdom” persists in Washington—notwithstanding abundant evidence to the contrary—that giant SIFIs are safer than smaller, more specialized institutions, SIFIs are essential to meet the demands of large multinational corporations in a globalized economy, and requiring U.S. SIFIs to comply with stronger rules will impair their ability to compete with foreign financial conglomerates and reduce the availability of credit to U.S. firms and consumers.

Despite Wall Street’s continued mastery over Washington, two recent  events could lead to a renewed public focus on the need for stronger restraints on SIFIs. In March 2013, Attorney General Eric Holder admitted that global SIFIs are “too big to jail,” and a Senate subcommittee issued a stunning report on pervasive managerial failures and regulatory shortcomings surrounding JPMorgan Chase’s “London Whale” trading scandal. In response to those events, Senators Sherrod Brown and David Vitter introduced a bill that would require SIFIs to satisfy much higher capital requirements and would also limit their access to federal safety net subsidies. The Brown-Vitter bill could prove to be a milestone because it demonstrates Dodd–Frank’s inadequacy and also focuses the “too big to fail” debate on issues where Wall Street is most vulnerable, including dangerously low levels of capital at the largest banks and extensive public subsidies exploited by those banks. Read more...

Kommentar: Zugegeben, ein mächtiges Werk. Es beweist, dass es die von den Regierungen der G20-Staaten versprochene Finanzreform nicht geben wird. Wer sich mit den oberflächlichen Informationen der unkritischen Berichterstattung nicht zufrieden geben will, der muss diese Analyse wenigstens querlesen. Sie klärt auf, beruhigen wird sie nicht.


Daniel Gros: Bankenunion oder Renationalisierung?
(project-syndicate.org)  Ziel der Euroeinführung war die Schaffung vollständig integrierter Finanzmärkte, doch seit Beginn der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 hat eine Renationalisierung der Märkte stattgefunden. Somit hängt die Zukunft der Eurozone in entscheidendem Maße davon ab, ob dieser Trend anhält oder eine vollständige Integration der europäischen Finanzmärkte erfolgt. Welcher dieser beiden Fälle auch eintritt: Das Ergebnis wäre einem Mittelding vorzuziehen, das weder Fisch noch Fleisch ist. Bedauerlicherweise scheint die Eurozone diesen Weg eingeschlagen zu haben. Mehr...

Kommentar: Nette Gedankenspielereien eines Ökonomen. Leider aber total wertlos. Daniel Gros hat die unbezahlbaren Risiken in den Bankbilanzen, aus dem Derivatehandel und aus dem Paralleluniversum der Schattenbanken wieder einmal ignoriert. Da geht es nicht mehr um Milliarden, sondern gleich um Billionen. Lieber nicht darüber reden, danach verfährt auch Gros.


Wer wird die Defizite der Welt tragen
(project-syndicate.org) Heutzutage scheint man überall Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen zu wollen. China verfügt seit langem über enorme Überschüsse. Die Eurozone verzeichnet momentan noch größere Überschüsse, da der Umschwung in den südeuropäischen Ländern die langjährigen Überschüsse Deutschlands erhöht. Tatsächlich weisen Länder von Singapur bis Russland riesige Überschüsse auf. Unterdessen ist das amerikanische Außenhandelsdefizit – das jahrzehntelang zur Aufrechterhaltung der Überschüsse anderswo beitrug – nun geringer als vor dem Jahr 2008, wobei viele Ökonomen argumentieren, dass man nie wieder zu den früheren Werten zurückkehren sollte (der Schiefergasboom macht das in ihren Augen ohnehin unwahrscheinlich). Auch die Finanzmärkte haben deutlich gezeigt, dass die Fähigkeit anderer großer Defizitländer wie Brasilien und Indien zur Aufnahme von Kapitalströmen an ihre Grenzen stößt. Da die Welt ein geschlossenes System darstellt, erhebt sich folgende Frage: Wer wird auf der Welt die Defizite tragen? Mehr...

Kommentar: Grau ist jede Theorie... aber es liest sich so schön. 


Noch zwei aktuelle Beiträge aus den USA, dem ehemaligen Land der unbegrenzten Möglichkeiten:

Which America Do You Live In? – 21 Hard To Believe Facts About 'Wealthy America' And 'Poor America'
(zerohedge.com) Did you know that 40 percent of all American workers make less than $20,000 a year before taxes? And 65 percent of all American workers make less than $40,000 a year before taxes. If you work on Wall Street, or have a cushy job with the federal government, or work for a big tech firm out on the west coast, life is probably pretty good for you right now. But the truth is that most Americans are not living the high life. In fact, most Americans are just trying to figure out how to survive from month to month. For many Americans, making a choice between buying food for your family and paying the light bill is a common occurrence. But if you don't live in that America, hearing that people actually live like that may sound very strange to you. After all, if everyone around you has expensive cars, the latest electronic gadgets and million dollar homes, the notion that America is in the midst of a very serious "economic decline" may seem very bizarre to you. Read more...

Kommentar/Ergänzung: Was dieser Beitrag beschreibt hat viel von den Vorboten einer Apokalypse: "Is America Being Deliberately Pushed Toward Civil War?" titelt ebenfalls ZERO HEDGE an anderer Stelle. In der Einleitung heißt es dazu: "In 2009, Jim Rickards, a lawyer, investment banker and adviser on capital markets to the Director of National Intelligence and the Office of the Secretary of Defense, participated in a secret war game sponsored by the Pentagon at the Applied Physics Laboratory (APL). The game’s objective was to simulate and explore the potential outcomes and effects of a global financial war. At the end of the war game, the Pentagon concluded that the U.S. dollar was at extreme risk of devaluation and collapse in the near term, triggered either by a default of the U.S. Treasury and the dumping of bonds by foreign investors or by hyperinflation by the private Federal Reserve. These revelations, later exposed by Rickards, were interesting not because they were “new” or “shocking.” Rather, they were interesting because many of us in the field of alternative economics had ALREADY predicted the same outcome for the American financial system years before the APL decided to entertain the notion. At least, that is what the public record indicates. The idea that our government has indeed run economic collapse scenarios, found the United States in mortal danger, and done absolutely nothing to fix the problem is bad enough. I have my doubts, however, that the Pentagon or partnered private think tanks like the RAND Corporation did not run scenarios on dollar collapse long before 2009. In fact, I believe there is much evidence to suggest that the military industrial complex has not only been aware of the fiscal weaknesses of the U.S. system for decades, but they have also been actively engaged in exploiting those weaknesses in order to manipulate the American public with fears of cultural catastrophe. History teaches us that most economic crisis events are followed or preceded immediately by international or domestic conflict. War is the looming shadow behind nearly all fiscal disasters. I suspect that numerous corporate think tanks and the Department Of Defense are perfectly aware of this relationship and have war gamed such events as well. Internal strife and civil war are often natural side effects of economic despair within any population. Has a second civil war been “gamed” by our government? And are Americans being swindled into fighting and killing each other while the banksters who created the mess observe at their leisure, waiting until the dust settles to return to the scene and collect their prize? Here are some examples of how both sides of the false left/right paradigm are being goaded into turning on each other." Read more here


Zur Unterstützung dieser beiden Beiträge haben wir noch zwei Grafiken und eine treffende Karikatur entdeckt, die wir unseren LeserInnen nicht vorenthalten wollen: 


Quelle: zerohedge.com

Quelle: zerohedge.com

Quelle: zerohedge.com