Mittwoch, 13. November 2013

Standpunkt 805 - Nachrichten-Ticker, 12.11.


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance... 

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: "Bail not Jail" (2 Beiträge) – Quantitative Easing   Quo vadis Zentralbanken?  Fed   EZB Inflation Nachtrag zuum deutschen Exportüberschuss (2 Beiträge)  – EU-Jugendarbeitslosigkeit  – Marc Faber


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht"
Es ist mittlerweile schon mehr als ein Jahr her, daß wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Wir arbeiten schon längere Zeit an einem Upgrade. Unmittelbar nach der Bundestagswahl haben wir unseren Arbeitseinsatz erhöht, um unser neues Dossier kurzfristig zur Verfügung stellen zu können. Die lahmen Verhandlungen zur Bildung der Großen Koalition haben uns einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Das Upgrade ist nach unserer Ansicht nur dann vollständig, wenn wir auch die Pläne der neuen schwarz-roten Bundesregierung berücksichtigen. Sicherlich werden die schlimmsten Vorhaben nicht öffentlich gemacht, trotzdem wird es eine Menge Indizien dafür geben, wo die politische Reise in der kommenden Berliner Regierungszeit in Deutschland und Europa hingeht. Außerdem beschäftigen wir uns, neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte, mit den Vorschlägen von DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, der virtuellen Währung Bitcoin, dem Zypern-Modell, den Plänen der EU zur Bankenrettung, außerdem mit Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und den Folgen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


Why Has Nobody Gone To Jail For The Financial Crisis? Judge Rakoff Says: "Blame The Government"
(zerohedge.com) Five years have passed since the onset of what is sometimes called the Great Recession. While the economy has slowly improved, there are still millions of Americans leading lives of quiet desperation: without jobs, without resources, without hope. Who was to blame? Was it simply a result of negligence, of the kind of inordinate risk-taking commonly called a “bubble,” of an imprudent but innocent failure to maintain adequate reserves for a rainy day? Or was it the result, at least in part, of fraudulent practices, of dubious mortgages portrayed as sound risks and packaged into ever-more-esoteric financial instruments, the fundamental weaknesses of which were intentionally obscured? (...)
In striking contrast with these past prosecutions, not a single high level executive has been successfully prosecuted in connection with the recent financial crisis, and given the fact that most of the relevant criminal provisions are governed by a five-year statute of limitations, it appears very likely that none will be. It may not be too soon, therefore, to ask why.
One possibility, already mentioned, is that no fraud was committed. This possibility should not be discounted. Every case is different, and I, for one, have no opinion as to whether criminal fraud was committed in any given instance.
But the stated opinion of those government entities asked to examine the financial crisis overall is not that no fraud was committed. Quite the contrary. For example, the Financial Crisis Inquiry Commission, in its final report, uses variants of the word “fraud” no fewer than 157 times in describing what led to the crisis, concluding that there was a “systemic breakdown,” not just in accountability, but also in ethical behavior. As the Commission found, the signs of fraud were everywhere to be seen, with the number of reports of suspected mortgage fraud rising 20-fold between 1998 and 2005 and then doubling again in the next four years. As early as 2004, FBI Assistant Director Chris Swecker, was publicly warning of the “pervasive problem” of mortgage fraud, driven by the voracious demand for mortgagebacked securities. Similar warnings, many from within the financial community, were disregarded, not because they were viewed as inaccurate, but because, as one high level banker put it, “A decision was made that ‘We’re going to have to hold our nose and start buying the product if we want to stay in business.’”
Without multiplying examples, the point is that, in the aftermath of the financial crisis, the prevailing view of many government officials (as well as others) was that the crisis was in material respects the product of intentional fraud. In a nutshell, the fraud, they argued, was a simple one. Subprime mortgages, i.e., mortgages of dubious creditworthiness, increasingly provided the sole collateral for highly-leveraged securities that were marketed as triple-A, i.e., of very low risk. How could this transformation of a sow’s ear into a silk purse be accomplished unless someone dissembled along the way?
While officials of the Department of Justice have been more circumspect in describing the roots of the financial crisis than have the various commissions of inquiry and other government agencies, I have seen nothing to indicate their disagreement with the widespread conclusion that fraud at every level permeated the bubble in mortgage-backed securities. Rather, their position has been to excuse their failure to prosecute high level individuals for fraud in connection with the financial crisis on one or more of three grounds: ... Read more...


Kommentar: Während sich die deutschsprachigen Leitmedien in diesen Tagen über mehr oder weniger unwichtige Themen hermachen, zeigt sich ZERO HEDGE als wahre Fundgrube interessanter Beiträge. In diesem geht es um "Bail not Jail" (hier). Autor ist der US-Richter Jed. S. Rakoff. Was er schreibt ist ungeheuerlich, aber schlüssig. Und macht nachvollziehbar, warum es aus der versprochenen Finanzreform nichts wird.


Etwas mehr Demut, bitte!
(fuw.ch)  "Es gab mal eine Zeit, da diente eine stattliche Eigenkapitaldecke als Schutz vor unbekannten Risiken. Dieser Grundsatz ist abhanden gekommen." 
Brady Dougan, CEO der Credit Suisse, hält die Wahrscheinlichkeit einer weiteren staatlichen Rettungsaktion für eine Grossbank für nahezu null. Das ist ein Irrtum, schreibt FuW-Chefredaktor Mark Dittli. Mehr...

Kommentar: Einsicht kann der Autor von Dougan kaum erwarten. Außerdem: Staatsgarantien als Blankoschecks und die fehlende Strafverfolgung erlauben völlig gefahrlos den Irrtum. Übrigens, die Credit Suisse ist randvoll mit Derivaten.


Former Fed Quantitative Easer Confesses, Apologizes: "I Can Only Say: I'm Sorry, America"
(zerohedge.com) We went on a bond-buying spree that was supposed to help Main Street. Instead, it was a feast for Wall Street.
I can only say: I'm sorry, America. As a former Federal Reserve official, I was responsible for executing the centerpiece program of the Fed's first plunge into the bond-buying experiment known as quantitative easing. The central bank continues to spin QE as a tool for helping Main Street. But I've come to recognize the program for what it really is: the greatest backdoor Wall Street bailout of all time. Read more...


Kommentar: Endlich beschreibt ein Insider, wie und warum das Fed gegen seinen gesetzlichen Auftrag verstößt, neue Jobs zu schaffen. Schluss mit dem Aufdröseln von Indizien, der Beitrag liefert Fakten. Damit die US-amerikanische Öffentlichkeit diesem andauernden Gesetzesverstoß nicht so schnell auf die Schliche kommt, werden Monat für Monat die Arbeitslosenzahlen massiv schöngerechnet. Wir haben immer wieder davon berichtet, zuletzt in den vergangenen Tagen (hier, hier und hier). 


Die ungewisse Zukunft der Vorherrschaft der Zentralbanken
(project-syndicate.org)  In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele von Menschen und Institutionen, die in eine Position der Vorherrschaft aufstiegen und später wieder fielen. Zum Verhängnis wurde ihnen in den meisten Fällen ihre Hybris – ein Gefühl der Unbesiegbarkeit geschürt durch ungehindert ausgeübte Macht. In anderen Fällen allerdings rührten sowohl Aufstieg als auch Fall von den in sie gesetzten ungerechtfertigten Erwartungen her.
In den letzten Jahren sind die Zentralbanken der größten Industrieländer gleichsam in die Führungsposition der politischen Entscheidungsfindung aufgerückt. Im Jahr 2008 forderte man sie auf, die Fehlfunktionen auf den Finanzmärkten zu beheben, bevor diese die Welt in eine zweite Große Depression stürzten. In den seither vergangenen fünf Jahren haben die Zentralbanken größere Verantwortung übernommen, wenn es darum geht, eine wachsende Zahl an wirtschaftlichen und finanziellen Resultaten zu erreichen.
Mit der Anzahl der von den Zentralbanken übernommenen Verantwortlichkeiten
stiegen auch die Erwartungen hinsichtlich dessen, was sie erreichen können. Dies gilt vor allem für den so sehr ersehnten Hattrick aus größerer Finanzstabilität, rascherem Wirtschaftswachstum und der dynamischeren Schaffung von Arbeitsplätzen. Regierungen, die sich einst über die Macht der Zentralbanken ärgerten, sind heute froh, dass diese einspringen und ihre wirtschaftspolitischen Mängel kaschieren – und zwar in einem Ausmaß, dass sich mancher Gesetzgeber berechtigt zu sehen scheint, wiederholt unverantwortliches Verhalten an den Tag legen zu dürfen.
Die Zentralbanken der Industrieländer haben ihre derzeitige Position nicht angestrebt.

Sie sind vielmehr dorthin geraten, weil die Alternativen in jeder Phase auf ein schlechteres Ergebnis für die Gesellschaft hinzudeuten schienen. Tatsächlich ist die Übernahme zusätzlicher Verantwortung durch die Zentralbanken weniger von dem Wunsch nach größerer Macht als von einem Gefühl der moralischen Verpflichtung motiviert und die meisten Zentralbanker kommen ihrer neuen Rolle und der damit verbundenen Sichtbarkeit nur widerwillig nach.
Da andere Instanzen der politischen Entscheidungsfindung durch ein ungewöhnliches Maß an innenpolitischer und regionaler politischer Polarisierung an den Rand gedrängt wurden, fühlten sich die Zentralbanken der Industrieländer verpflichtet, entsprechend ihrer größeren operativen Autonomie und relativen politischen Unabhängigkeit zu handeln. In jeder Phase bestand ihre Hoffnung darin, für andere politische Entscheidungsträger Zeit zu kaufen, damit diese die Kurve kriegen. Doch anschließend sah man sich nur gezwungen, Wege zu finden, noch mehr Zeit zu kaufen.
Die Zentralbanken zählten zu den ersten, die warnten, dass ihre Möglichkeiten, die Untätigkeit der anderen wettzumachen, weder endlos noch risikofrei wären. Sie erkannten frühzeitig, dass sie unvollkommene und unerprobte Werkzeuge einsetzten. Und sie wiesen wiederholt auf die zunehmende Gefahr hin, dass ihre gute Arbeit mit wachsenden Kollateralschäden und unbeabsichtigten Folgen verbunden sein wird, je länger sie in ihrer gegenwärtigen Position bleiben.
Das Problem besteht darin, dass offenbar nur wenige Außenstehende zuhören und sich noch viel weniger darauf vorbereiten, gegen die begrenzte Wirksamkeit der Zentralbank-Operationen gewappnet zu sein. Dadurch riskieren sie eine Verschärfung der möglichen Herausforderungen. Mehr...


Kommentar: Ein lesenswerter Beitrag von Mohamed El-Erian, "CEO and co-Chief Investment Officer of the global investment company PIMCO, with approximately $2 trillion in assets under management. He previously worked at the International Monetary Fund and the Harvard Management Company, the entity that manages Harvard University's endowment. He was named one of Foreign Policy's Top 100 Global Thinkers in 2009, 2010, 2011, and 2012", der sich mit der Rolle der Zentralbanken in der Krise - und den Folgen ihrer Entscheidungen - auseinandersetzt. Wir sind unentschlossen, ob wir seinen Thesen vorbehaltlos folgen können. Vor allen Dingen glauben wir nicht, dass das Fed, die Bank of England oder die EZB "ihre derzeitige Position nicht angestrebt" haben. Das Fed ist zu 100% in der Hand der weltgrößten Privatbanken und hört, wie die anderen genannten Zentralbanken, auf das Wort von "Abgeordneten" aus dem Hause Goldman Sachs. Die weniger infiltrierten Notenbanken sind sowieso gezwungen, diesen Vorbildern zu folgen. In dieser Position hat Goldman Sachs leichtes Spiel, die Geschicke der Welt in der sich verschärfenden Krise zu steuern. Die, die es hätten verhindern können, die - meistens jedenfalls - demokratisch gewählten Regierungen, schauen diesem Treiben nicht nur tatenlos zu, sondern unterstützen es aktiv. Wenigstens kann sich El-Erian dazu durchringen, der Politik ein bisschen Mitverantwortung ans Bein zu binden, offene Kritik übt er nicht, oder erkennen wir sie nur nicht? Diese Frage zu beantworten, überlassen wir unseren LeserInnen.


"Das Fed wird keinen Crash auslösen"
(fuw.ch) Ewen Cameron Watt, Chefstratege des BlackRock Investment Institute, sieht die Märkte auf das Tapering vorbereitet, wie er im Interview mit FuW erklärt. Ausserdem hält er die Frankenuntergrenze der SNB für sinnvoll. Mehr...

Kommentar: Weil es BlackRock verbietet, oder weil schon feststeht, dass nichts mehr den Kollaps am Ende der Krise aufhalten kann? Beide Erklärungen sind möglich. Jedenfalls verdient BlackRock prächtig an der Krise und den Maßnahmen des Fed. Warum das so ist? Sie sind "Die Besitzer der Welt", wie die WELT AM SONNTAG am 24.04.2011 titelte: "Die Chefs von Blackrock verwalten für ihre Kunden so viel Geld, wie ganz Deutschland in einem Jahr erwirtschaftet: 3,6 Billionen Dollar. Finanzminister, Konzernbosse und Zentralbankchefs vertrauen ihrem Rat. Dennoch weiß kaum jemand, wer diese mächtigen Männer sind." Mehr dazu hier. Vor diesem Hintergrund ist auch das Interview zu sehen.


Fremde in Frankfurt!
(tagesanzeiger.ch) Die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank hat fast überall Zustimmung gefunden – ausser in Deutschland. Mehr...

Kommentar: Eine kurze, treffende Analyse unserer Schweizer Nachbarn.


Inflation gibt es nur noch in Geschichtsbüchern
(welt.de) Seit den 20er-Jahren fürchten die Deutschen die Hyperinflation. Nun sorgen sich viele vor der laschen Geldpolitik der EZB. Doch alle Daten zeigen: Eine Inflation wird es so schnell nicht geben. Mehr...

Kommentar: Ein nützlicher Beitrag, den sich jeder Deutsche gegen seine Erbkrankheit "Inflationsangst" unter das Kopfkissen schieben sollte. Endlich mal wieder etwas Brauchbares vom Schweizer Ökonomen Thomas Straubhaar. Seine letzten Beiträge waren nicht erwähnenswert.


"Deutschland ist ein Billiglohnland!"
(handelsblatt.com) Die Kritik am deutschen Wirtschaftsmodell reißt nicht ab. Nun teilt der US-Ökonom Adam Posen kräftig aus. "Deutschland bringt seine Beschäftigten um die Früchte ihrer Arbeit," beklagt er. Mehr...

Kommentar: Statt vieler Wort, die folgenden beiden Grafiken:
 





Die Produktivität deutlich verbessert, Löhne und Gehälter auf dem Niveau von 1998.


Der deutsche Nachfrage-Staubsauger
(tagesanzeiger.ch) Mit ihrer exportorientierten Wirtschaftspolitik saugen die Deutschen Nachfrage aus den anderen Ländern ab. Das bringt jetzt selbst die europäischen Nachbarn auf die Palme. Mehr...

Kommentar: Ein wenig mehr Aufklärung kann nicht schaden...


Europas Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit ist zu spät
(zeit.de) Lange haben Europas Politiker die Jugendarbeitslosigkeit ignoriert. Jetzt wollen Merkel und Hollande der verlorenen Generation helfen – mit fragwürdigen Mitteln. Mehr...

Kommentar: Am Ende stehen Niedriglohn, Zuschüsse im Rahmen von Hartz IV und Altersarmut. Wer sorgt dann noch für Binnennachfrage? Die Reichen und Mächtigen? Oder gibt es dann wieder alles auf Bezugsscheine? 


Marc Faber: Der Kapitalismus ist am Ende
(finanzen100.de) Nach Ansicht von Investorenlegende Marc Faber leben wir längst in einer Finanzökonomie, in der die Verschuldung und die Kapitalmärkte den Wert der realen Wirtschaft um ein Vielfaches übersteigen. Und genau das befeuere die Bildung von Blasen. Platzt diese das nächste Mal, dann wird dies das kapitalistische Wirtschaftssystem, so wie wir es kennen, ins Wanken bringen. Mehr...

Kommentar: Nein, er wird sich nur wieder neu erfinden. Wie schon so oft. Dafür sorgen die Reichen und Mächtigen aus (Finanz-)Wirtschaft und Politik. Letztere sogar ausgestattet mit einem Wählervotum, wie gerade in Deutschland zu "bewundern".