Donnerstag, 19. Dezember 2013

Standpunkt 828 - Nachrichten-Ticker, 08.12.


Regelmäßig stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance... 

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: In eigener Sache – Kritik die 1. – Bankenregulierung – IWF-Schuldenerlass Fed  


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht"
Es ist mittlerweile schon mehr als ein Jahr her, dass wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Wir arbeiten schon längere Zeit an einem Upgrade. Unmittelbar nach der Bundestagswahl haben wir unseren Arbeitseinsatz erhöht, um unser neues Dossier kurzfristig zur Verfügung stellen zu können. Die lahmen Verhandlungen zur Bildung der Großen Koalition haben uns einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Das Upgrade ist nach unserer Ansicht nur dann vollständig, wenn wir auch die Pläne der neuen schwarz-roten Bundesregierung berücksichtigen. Sicherlich werden die schlimmsten Vorhaben nicht öffentlich gemacht, trotzdem wird es eine Menge Indizien dafür geben, wo die politische Reise in der kommenden Berliner Regierungszeit in Deutschland und Europa hingeht. Außerdem beschäftigen wir uns, neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte, mit den Vorschlägen von IWF, DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, der virtuellen Währung Bitcoin, dem Zypern-Modell, den Plänen der EU zur Bankenrettung, außerdem mit Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und den Folgen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


In eigener Sache
Die wichtige Nachricht für unsere treuen LeserInnen: Wir sind wieder da. Und bitten alle um Verständnis dafür, dass wir für einige Tagen von der Bildfläche verschwunden waren.

Diejenigen, die unseren Blog schon länger beobachten, wissen, dass wir auch als Berater allen zur Verfügung stehen, die sich frühzeitig gegen die finale Krise absichern möchten. Dabei verfolgen wir ein eigenes Konzept, dessen "Feinschliff" uns in diesen Tagen so sehr beschäftigt hat, dass wir die Beiträge für den Blog nur gesammelt, aber noch nicht kommentiert haben. In den nächsten Tagen werden wir "nachsitzen" und dieses Versäumnis korrigieren. Dabei werden wir Gas geben. Wegen der besseren Übersicht werden wir wie gewohnt chronologisch vorgehen. 

Sobald wir wieder mit den Beiträgen und Kommentaren "up to date" sind, beschäftigen wir uns in einem gesonderten Beitrag mit dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Anfang Januar 2014 gibt es das längst versprochene Update zum Thema "Enteignung". 


Auf ein Wort: Kritik, die 1.
Wir haben hier angekündigt, dass wir uns der jüngsten Kritik an zwei unserer Kommentare stellen werden. Heute geht es um den Beitrag  "Bundesbank-Vorstand warnt vor Kreditblase bei deutschen Häuslebauern", den wir in unserem Nachrichten-Ticker vom 29.11.2013 (hier) so kommentiert haben:

"Nur logisch, diese Warnung. Leider gibt es keine verlässlichen Zahlen aus Deutschland. Deshalb nehmen wir die Angaben der Schweizer Nationalbank (SNB). Die geht davon aus, dass 40% des heimischen Neugeschäfts bei Hypothekendarlehen an Kreditnehmer mit minderwertiger Bonität vergeben worden ist. Kaum vorstellbar, dass deutsche Banken eine andere, gesündere Geschäftspolitik bei Immobilienfinanzierungen betreiben. Selbst 100%-Finanzierungen sind keine Seltenheit: "'Im Interesse der Finanzstabilität beunruhigt es mich, wenn 100%-Finanzierungen als 'Lösung für Jedermann' dargestellt werden', sagt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret dem Bayerischen Rundfunk (BR)." Was jetzt wegen der historisch niedrigsten Zinsen noch funktioniert, führt unweigerlich bei einem Zinsanstieg direkt in die "akute Pleitegefahr"."

Auf diesen Kommentar hat uns ein Herr K.-D. H., ein Dipl.-Ing. und Projektleiter, eine lange E-mail geschrieben. Darin bewertet er unseren Kommentar als den "üblichen Quatsch" und erklärt uns ausführlich, wie die Dinge richtig zu deuten sind. Wir maßen uns nicht an diese E-mail zu kürzen, sondern geben unseren LeserInnen Gelegenheit, den vollständigen Inhalt selbst zu bewerten. Here we go:  

"Liebe Macher, leider wieder einmal der übliche Quatsch. Jetzt muss ich doch mal ein paar Zeilen schreiben. Die Fakten:
- Wir haben in D mit ca. 46 % Wohneigentümerquote noch sehr viel Luft nach oben – andere Volkswirtschaften haben Quoten von 80 – 90 %. Nur so haben die Südeuropäer das Armageddon der letzen 5 Jahre finanziell überstehen können. Leben im eigenen Haus.
- In D sind die Zubauquoten seit 15 Jahren absolut im Keller. Keine Volkswirtschaft in Europa baut pro Kopf so wenig neuen Wohnraum. Erst in den letzten 2 Jahren wird wieder etwas mehr gebaut – aber noch immer dramatisch zu wenig. 1960/70 beispielsweise wurden bis zu 300 % mehr Wohnungen gebaut als heutzutage. Man nannte das damals Wirtschaftwunder.
- Die Bruttoinvestionsquote in D ist jämmerlich, das Nettovermögen dagegen sehr ansehnlich. Ebenso die Sparquote. Wo bleibt das Geld? Im Ausland und auf - zinstechnische betrachtet – bescheuerten Sparbüchern. - Wir haben in D seit kurzem wieder positiven Wanderungssaldo – so um die 200.000 Zugänge. Wo sollen die Neubürger wohnen, wenn wir nicht drastisch zubauen, neben der notwendigen Sanierung & Modernisierung?
- Die Alternative dazu wäre also „Heben des Schatzes“ und Bauen, Bauen, Bauen. Übrigens, aus jedem verbauten Euro generiert der Staat 50 Cent an Abgaben und Steuern. Auch die unterversorgten Alleinlebenden, Rentner, Pflegebedürftige etc. würden es uns danken, da diese Menschen mit Wohnraum unter- und fehlversorgt sind. Ein Konjunkturprogramm obendrein ohne dass der Staat einen Euro in die Hand nehmen bzw. die Schuldenbremse bemühen müsste.
- In allen Südländern, in Irland, GB, Polen und allen anderen Osteuropaländern sitzen Millionen von arbeitslosen Bauarbeitern, steht ungenutztes Kapital in Form von Radladern, Gerüsten etc. gammelnd herum. Diese Leute schreien nach Arbeit. Und sie können es, haben es hunderttausendfach bewiesen (meine letzten 10 Häuser als Projektentwickler haben im Wesentlichen Polen gebaut). Schlecht für die europäische Idee wäre es auch nicht.
- Das krankhafte Beharren auf Eigenbeteiligung ist ökonomisch unsinnig. Entscheidend ist nicht das Aufbringen von üblichen 20-25 % Eigenkapital, sondern die tragfähige monatliche Zinslastquote für die jeweilige Familie.
Jeder Uniabgänger aus dem IT- oder MINT-Bereich hat beispielsweise glänzende Berufsperspektiven in D - der braucht kein Eigenkapital. Der braucht eine Bank mit Hirn und Kreativität. Oder wie es weiland Günter Ogger formulierte "schmeißt die Nieten in Nadelstreifen endlich aus den Frankfurter Türmen raus".
- Beispiel: Bei einer bankseits üblich angenommenen Tragfähigkeit von 40 % - bezogen auf das verfügbare Haushaltsnetto von 2.500 € (also Durchschnittsverdienerhaushalt) - können 1.000 € für die monatliche Annuität (Zins und Tilgung) gezahlt werden. Was bekomme ich dafür? Ein Standardhaus von 120 qm nach neuestem Energiestandard in nicht zu teurer Lage. Komplettpreis alles inklusive: 200.000 €. Analog Kaltmiete: 8,33 € je qm.
- Müssen die Banken um ihre Kredite fürchten? Nein, sofern der Kreditnehmer die normale Standardprognose an Bonität erfüllt. Einigermaßen nachhaltiger Job reicht aus. Schließlich werden eh keine Kredite an Bauwillige mit SCHUFA-Historie ausgereicht. Und mit 2 % wird doppelt schnell getilgt!
- Aber wie stellt sich der Beleihungsauslauf für Kreditnehmer und Bank dar? So günstig wie nie zuvor in 60 Jahren dt. Nachkriegsgeschichte. D.h., 200.000 € Kredit, 100 % Beleihung, 20 Jahre feste Laufzeit=Zinsbindung, 4,0 % Zins und 2,0 % Tilgung, gleich 6,0 % monatl. Annuität – macht 1.000 € Monatsbelastung. Nach Ablauf der Zinsbindung in 20 Jahren (2034) verbleibt eine Restschuld von 78.000 €. Schnellt der neue Zins nun auf den historischen Durchschnitt von 6.5 % Neuzinsen, müssten 1.160 € in Folge gezahlt werden. Aber nur 7 Jahre lang, dann ist die Immobilie nämlich abbezahlt. Nach 27 Jahren!! Eine Konstellation, die es noch nie im Immobereich jemals gab. Nirgens, Nirgendwo. Zahlen Sie einen weiteren kleinen Aufschlag dazu, könnte sogar ein sog. Volltilgungsdarlehen ausgereicht werden. Dann besteht Planungssicherheit bis zum letzten Cent.
- Übrigens, die Zielinflation der EZB von 2,0 % frisst die Annuität Jahr für Jahr ein bisschen kleiner. Insofern stellt sich die Anschlussfinanzierung im 2034 (bei 6,5%) sogar billiger dar als die Annuität im Jahr 2013 – also auch bei einem Anschlusszins von 6,5 %. Gerne können Sie die Annahmen bei z.B. FMH.de oder bei Interhyp im Tilgungsrechner nachvollziehen.
- Blasenbildung – wie der Deutschbanker dies nennt – sieht anders aus. Umgekehrt wird ein Schuh draus: noch nie war es so sinnvoll, betriebs- wie volkswirtschaftlich, den Bausektor zu stärken. 100.000 neue zusätzliche Wohneinheiten bringen Leute in Lohn und Brot, dem Staat und den Versorgungssystem erklecklich mehr in die Kasse, dem Bausektor 20 Mrd. € zusätzlichen Umsatz. Und für den Resteuropäer ist dies eine kleine, Hoffnung bringende Perspektive.
Ich weiß wovon ich rede: 1964 war ich für 6 Monate auf dem Bau in England. Es war sehr nützlich. Für beide Seiten. Und heute ist alles viel einfacher.
Blasenbildung jedenfalls gibt es allenfalls in einigen Teilmärkten in begehrten Großstadtlagen. Aber so blöd muss ja kein Wohnungskäufer sein, gerade hier den „Heuschrecken“ von Deutsche Wohnen, GAGFAH, Dt. Annington etc. die Taschen zu füllen.
Und noch eins zum Schluss: Bauen ist tatsächlich noch immer ausgesprochen günstig in D. So kosteten 2012 gem. Häuserpreisindex (destatis) Wohngebäude nur ca. 9% mehr als im Jahre 2000. Für dieses Geld werden in Resteuropa bestenfalls Nissenhütten erstellt. Und trotzdem ist dort die Wohnungsbauintensität bis zu 200, gar 300 % höher. Ich spreche von vergleichbaren Volkswirtschaften wie Österreich, Finnland, Schweden und na klar, die Schweiz.
Also alles Panik! Aber warum? Bringen Sie uns die Politanalyse.
"

Alle Achtung, ein tolles Plädoyer für den Wohnungsbau und die Bauwirtschaft - aber keine fundierte Kritik an unserem Kommentar. Den der Mann offensichtlich nur überlesen, aber nicht verstanden hat. Wir haben nämlich den Beitrag des Bundesbankers (nicht Deutschbanker, Herr H.) lediglich zum Anlass genommen, auf die Risiken der ungesunden Kreditvergabepraxis der Banken am Beispiel der Schweiz hinzuweisen. Darauf hat die Schweizer Nationalbank (SNB) übrigens erst wieder in ihrer jüngsten Pressekonferenz hingewiesen. "Im Hypothekarmarkt hat sich die Lage verschärft" meldet dazu der Schweizer TAGES-ANZEIGER (hier). Die von uns genannte 40%-Quote für Hypothekendarlehen in der Schweiz, bei denen "der Kreditnehmer die normale Standardprognose an Bonität" NICHT erfüllt, ist Fakt (eher noch untertrieben, wenn man den Bewertungsstandard der SNB berücksichtigt). Genauso ist es eine Tatsache, dass sich die Geschäftsmodelle der Banken nicht unterscheiden. Höchstens treiben es die deutschen Banken noch "doller", wie die alljährlich wiederkehrenden Milliarden-Euro-Geschäfte mit Steuersparimmobilien zeigen. Die werden größtenteils "auf Teufel komm raus" an bonitätsschwache Unkundige verhöckert. Ganze Abteilungen werden in den Banken damit am Leben erhalten. Unser Kritiker hält das aus volkswirtschaftlicher Sicht wahrscheinlich sogar noch für nützlich. Wir kennen viele dieser Schicksale. Deshalb behaupten wir, dass ein hoher Anteil dieser so Geschröpften regelmäßig die Ersparnisse verliert, Lohn oder Gehalt dauerhaft gepfändet wird und zwangsläufig in Armut endet. Das hat noch niemand ernsthaft untersucht, aber überschlägig halten wir den volkswirtschaftlichen Schaden dieser kriminellen Geschäfte, die eindeutig gegen "die normale Standardprognose an Bonität" verstoßen, für immens. Übrigens, die Sparkassen und Genossenschaftsbanken kämpfen dabei an vorderster Front.

Herr H. idealisiert in seiner Kritik die Folgen hemmungslosen Bauens, die Kreditvergabepraxis der hiesigen Banken, vereinfacht sein Finanzierungsmodell bis zur Unwirklichkeit und schafft außerdem den perfekten Kreditnehmer: gutes Einkommen, saubere Schufa und mit dem Wunsch nach einem 120-qm-Standardhaus "in nicht zu teurer Lage", regelmäßig weit weg vom Arbeitsplatz. Das ist Kritik mit unlauteren Mitteln.

Das ausführliche Statement haben wir zum Anlass genommen, verschiedene der vorgetragenen  Argumente zu untersuchen. Beginnen wir mit der Wohnungseigentumsquote, von der H. behauptet, "andere Volkswirtschaften haben Quoten von 80 - 90%", aber eine Quelle schuldig bleibt. Wir haben recherchiert und können dazu zwei Grafiken aufbieten, die einen internationalen Vergleich zwischen den Jahren 2001 und 2004 erlauben. 

Vergleich Wohnungseigentumsquote, 2001:

Quelle: Dissertation "Beeinflussung von Wohnstandortentscheidungen..." von Sung-Gil Kim,
Technische Universität Hamburg-Harburg, 2003 

Vergleich Wohnungseigentumsquote, 2004: 

Quelle: Präsentation Estavis AG, Februar 2009, Seite 12

Aktuellere Daten liefert ein Beitrag auf dem österreichischen Internetportal "nachrichten.at" vom 06.04.2013: "Spanier sind Europas Kaiser bei Wohnungseigentum". Im Vorspann dazu heißt es: "Die Wohnungseigentumsquoten sind in Europa recht ungleich verteilt. Ausgerechnet Österreich und Deutschland, wo der Wohlstand vermutet wird, sind fast die Schlusslichter laut Statistik von Euroconstruct, ifo und IFS. Demnach wohnen nur 57 Prozent aller Österreicher in den eigenen vier Wänden, was der viertletzte Platz ist. Dänemark weist eine Eigentumsquote von 61 Prozent auf und Deutschland von 46 Prozent. Die Schweiz ist mit 35 Prozent Schlusslicht. Die Spanier hingegen führen mit 85 Prozent. Italien und Portugal folgen mit 77 bzw. 76 Prozent." Mehr dazu hier. Interessant das Fazit am Ende des Beitrags: "Doch wie ist der Hang der Südeuropäer zum Wohnungseigentum zu erklären? Makler führen den dort schlechteren Mieterschutz ins Treffen, der durch Eigentum umschifft wird. Obendrein sind in Österreich die Menschen sozial und durch öffentliche Fördergelder besser abgesichert. Da falle es leichter, das Risiko der Miete einzugehen."

Auf den ersten Blick bestätigt sich die Behauptung unseres Kritikers. Jedoch muss man beispielsweise im Fall des Spitzenreiters Spanien wissen, dass dort der Kauf von Wohnungseigentum eine Sache über mehrere Generationen ist. Finanzierungen mit einer Laufzeit von 50, 60 Jahren oder gar noch mehr Jahren sind keine Seltenheit. Deshalb stimmt auch seine Schlussfolgerung nicht: "Nur so haben die Südeuropäer das Armageddon der letzten 5 Jahre finanziell überstehen können. Leben im eigenen Haus." Noch einmal zum Beispiel Spanien:  "Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 wurden schon mehr als 400.000 Wohnungen geräumt, meist wurde den Betroffenen kein Ersatz angeboten" (hier). Andere Schätzungen gehen von mehr als 500.000 aus. In Madrid werden täglich 300 Wohnungen zwangsgeräumt.

Der folgende Chart zeigt die Entwicklung notleidender Kredite der spanischen Banken: 

Quelle: zerohedge.com, 18.12.2013 

13% bedeuten einen 50-Jahre-Rekord und entsprechen rund 190 Milliarden Euro, für die den spanischen Banken ein Totalausfall droht (hier). Das ist eine Blase notleidender Kredite, ohne jeden Zweifel. Nach unseren eigenen Schätzungen, vorgenommen auf der Grundlage einer Studie des Centre for European Studies (CES), die leider öffentlich nicht zugänglich ist, beträgt der Wertberichtgungsbedarf spanischer Banken alleine aus notleidenden Hypothekenfinanzierungen gigantische 350 Milliarden Euro. Diese Zahl kommt nicht von ungefähr, in Spanien stehen 3 Millionen Wohnungen leer (hier). Das bedeutet unermessliche volkswirtschaftliche Schäden, die noch niemand näher beziffern kann. Gerade hat die US-Nachrichtenagentur Bloomberg wieder über die Verhältnisse in Spanien berichtet: "Spanish Defaults Surge as Banks Forced to Come Clean: Mortgages" (hier). Ein lohnender Beitrag. 

H. bemängelt die in seinen Augen niedrige Wohnungseigentumsquote in Deutschland. Die liegt im Wesentlichen darin begründet, dass in der Vergangenheit deutsche Regierungen sich an diesem Eigentum ohne jede Hemmung vergriffen haben. Nach mehr als 60 Jahren Ruhe ist der nächste Zugriff bereits vorbereitet. Geld ist dagegen beweglich und lässt sich leicht vor einem staatlichen Zugriff in Sicherheit bringen. 

Bei der Schaffung neuen Wohnraums halten wir den Vergleich zwischen den 1960/70er Jahren und heute für nicht zulässig. Der Bedarf war vorhanden, die Angst vor der Inflation manisch, die von den Gewerkschaften durchgesetztenb Lohn- und Gehaltserhöhungen lagen bei bis zu 12%. Und heute? 

Verwundert hat uns auch die Berechnung der Tragfähigkeit einer Finanzierung "bezogen auf das verfügbare Haushaltsnetto von 2.500 € (also Durchschnittsverdienerhaushalt)". Wir haben nachgeforscht und sind bei Steffen Bogs von "querschuesse.de" fündig geworden: 

Quelle: querschuesse.de, 25.05.2012

Zugegeben, diese Grafik ist schon ein bisschen älter, an ihrer Aussagekraft ändert das aber nichts: Die deutschen Arbeitnehmereinkommen liegen im Durchschnitt noch unter 1.500 €. Davon 40% Tragfähigkeit wären lediglich 600 €. 

Wunderbar das Beispiel zur Berechnung des Beleihungsauslaufs, falls es so zutreffen würde. Angesichts der absehbaren Entwicklung sind 20 Jahre Zinsbindung reine Illusion, bestenfalls geeignet als Verkaufsargument in den Hypothekenabteilungen der Banken und bei den Maklern. Keiner dieser Darlehensverträge wird in den nächsten Jahren ungeschoren davonkommen, wenn reihenweise im Rahmen der Bankenunion die einen (=systemrelevanten) Banken gerettet und die anderen in die Pleite geschickt werden. Da müssen alle ran, nicht nur die Gläubiger, auch die Schuldner, die bisher noch keiner, ausgenommen Politik und Finanzindustrie, auf dem (Rettungs)Schirm hat. Jeder dieser Verträge enthält bereits (kleingedruckte) Kündigungsklauseln, die auch vor der vereinbarten Zinsbindung nicht halt machen. Wer so einen Vertrag zu Hause hat, der sollte nachlesen.  

Wir lassen Herrn H. seine Geschichte von den Millionen (wirklich?) arbeitslosen Bauarbeitern "in allen Südländern, in Irland, GB, Polen und allen anderen Osteuropaländern", die er für die europäische Idee scheinbar hierzulande in Lohn und Brot stecken will. Der Wirtschaftsleistung dieser Länder wäre damit kaum geholfen, vom hiesigen Arbeitsmarkt ganz abgesehen. Die Gastarbeiter-Kultur ist in Deutschland definitiv zu Ende. Oder die von den  "Uniabgänger aus dem IT- oder MINT-Bereich", von denen jeder in Deutschland glänzende Berufsausichten hat und die kein Eigenkapital brauchen. Die sind sowieso nicht gemeint, wenn der Bundesbanker Dombret vor einer Kreditblase warnt. Übrigens hat es 100%-Finanzierungen schon immer gegeben - eine entsprechende Bonität vorausgesetzt. Heute genügt jedoch vielfach bereits ein "einigermaßen nachhaltiger Job", mit dem die Belastung gerade so getragen werden kann.

Unser Kritiker bestreitet vehement die Blasenbildung. Die Fakten zeichnen in Europa ein ganz anderes Bild. Gerade meldet das MANAGER MAGAZIN "Britischer Häusermarkt droht zu überhitzen". Weil die britische Regierung den Immobilienmarkt in den vergangenen Monaten künstlich angeheizt hat: "Die Weltwirtschaftskrise wurde vor einigen Jahren ausgelöst durch eine Politik, die jedem Amerikaner den Kauf eines Eigenheims ermöglichen sollte. Eine ähnliche Linie wird derzeit in Großbritannien verfolgt - auch dort steigen die Hauspreise schon bedenklich." Mehr dazu hier. Irland und Spanien sitzen auf einem riesigen Bestand von Bauruinen, gebaut von irischen und spanischen Bauarbeitern, größtenteils finanziert von deutschen Banken mit dem Geld deutscher Sparer. Die Niederlande, Dänemark, Schweden, Frankreich und sogar neuerdings Norwegen und Finnland kämpfen jeweils mit einer Immobilienblase.  In Dänemark, Frankreich und Holland sind wegen der Blase von Kreditausfällen bereits Banken gerettet worden. Besonders unsere niederländischen und dänischen Nachbarn hat es, gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung, schon böse getroffen: Zweistellige Milliardenbeträge sind dort in die Bankenrettung aufgrund fauler Hypotheken geflossen.

Selbst die USA befinden sich längst wieder auf dem direkten Weg in eine neue Immobilienkrise. Wir berichten regelmäßig in diesem Blog über die Entwicklungen in den betroffenen Ländern und bitten deshalb um Verständnis, wenn wir an dieser Stelle auf einzelne Quellennachweise verzichten. Aktuell beschreibt der bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini bei PROJECT SYNDICATE "Neue Blasen auf dem Eigenheimmarkt". Er schreibt u. a.:  

"Es herrscht breite Übereinstimmung, dass es eine Serie platzender Spekulationsblasen auf dem Eigenheimmarkt war, die die globale Finanzkrise von 2008-2009 und die daran anschließende schwere Rezession auslöste. Der bekannteste Fall sind die USA, doch auch in Großbritannien, Spanien, Irland, Island und Dubai heizten eine laxe Bankenregulierung und -aufsicht sowie die niedrigen Leitzinsen ähnliche Blasen an.
Heute, fünf Jahre später, sind erneut Anzeichen für eine Überhitzung – wenn nicht gar richtiggehende Blasen – auf den Eigenheimmärkten der Schweiz, Schwedens, Norwegens, Finnlands, Frankreichs, Deutschlands, Kanadas, Australiens, Neuseeland sowie einmal mehr in Großbritannien (genauer gesagt: London) erkennbar. In den Schwellenländern zeichnen sich Blasenbildungen in Hongkong, Singapur, China und Israel sowie in wichtigen städtischen Zentren der Türkei, Indiens, Indonesiens und Brasiliens ab.
Zu den Anzeichen, dass in diesen Volkswirtschaften eine Blasenbildung bei den Eigenheimpreisen eingesetzt hat, gehören rapide steigende Immobilienpreise, ein hohes und weiter steigendes Verhältnis der Preise zum Einkommen sowie der hohe Anteil der Hypothekenschulden an der Gesamtverschuldung der Haushalte. In den meisten hoch entwickelten Ländern wird die Blasenbildung durch sehr niedrige kurz- und langfristige Zinssätze unterstützt. Angesichts des blutleeren BIP-Wachstums, hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Inflation treibt die durch eine konventionelle wie unkonventionelle Lockerung der Geldpolitik generierte Geldschwemme die Vermögenspreise in die Höhe – angefangen bei den Eigenheimpreisen."


Roubini ist nach unserer Einschätzung nicht "betriebsblind" und trifft zum Schluss eine bemerkenswerte Feststellung: "Was wir derzeit in vielen Ländern erleben, nimmt sich wie eine Zeitlupenwiederholung der letzten Krise auf dem Eigenheimmarkt aus. Und wie beim letzten Mal gilt: Je weiter sich die Blasen aufblähen, desto unangenehmer wird der Zusammenstoß mit der Realität." Mehr dazu hier

Jetzt nehmen bei der Eigenheimfinanzierung  in Deutschland die Warnungen zu: "Ökonomen warnen vor KfW-Darlehen" titelt noch einmal das MANAGER MAGAZIN und schreibt in der Einleitung: "Experten schlagen Alarm: Das Wohneigentumsprogramm der staatlichen KfW Bank mit zunächst tilgungsfreien Darlehen treibe vor allem Familien mit geringem Einkommen in die Verschuldungsfalle, heißt es. So könnte eine gefährliche Blase am Wohnimmobilienmarkt entstehen." Mehr dazu hier

"Alles nur Panik!" wie Herr H. in seiner Kritik schreibt? Für uns ist es die vermessene Feststellung eines Unbelehrbaren. 

Offensichtlich hat unser Kritiker ein sehr großes Interesse daran den deutschen Immobilienmarkt und die Rolle der Marktteilnehmer zu beschönigen. Damit können wir leben. So lange es seine persönliche Meinung bleibt und er nicht den Versuch unternimmt, uns gegenüber falsch platzierte Kritik durch wenig belastbare Zahlen zu fundieren. 


Die folgenden Beiträge stammen vom Tage (zur Erinnerung: es ist der 08.12.2013) und bilden den Abschluss dieses Tickers: 

Debatte Bankenregulierung: Erpressen und auspressen 
(taz.de) Auch die jüngsten Strafzahlungen in Milliardenhöhe beeindrucken die Investmentbanken nicht. Doch Gegenwehr bleibt möglich. Mehr...

Kommentar: Ulrike Herrmann von der TAZ versucht es mit ein bisschen Hoffnung im Kampf gegen die übermächtigen Investmentbanken und deren gigantisches Spielcasino aus hochkorrupten Geschäftsmodellen. Das hat schon irgendwie was Weihnachtliches. Wir sind aber davon überzeugt: Hinter der Besinnlichkeit geht der Kampf verloren. 


IWF will Schuldenerlass für Staaten neu regeln (handelsblatt.com) Private Gläubiger sollen früher und umfangreicher an der Umschuldung notleidender Staaten beteiligt werden. Schuldenschnitte würden oft zu gering ausfallen, meint der Strategie-Direktor des Internationalen Währungsfonds. Mehr...

Kommentar: Lesen lohnt sich. Das Ergebnis dieser Pläne? War bereits im Frühjahr in Zypern zu besichtigen! Schon vergessen? Das wäre fatal. 


Amend the Fed: We Need a Central Bank that Serves Main Street
(ellenbrown.com) December 23rd marks the 100th anniversary of the Federal Reserve. Dissatisfaction with its track record has prompted calls to audit the Fed and end the Fed. At the least, Congress needs to amend the Fed, modifying the Federal Reserve Act to give the central bank the tools necessary to carry out its mandates. Read more...

Kommentar: Noch so ein "frommer Wunsch". Die US-Notenbank ist Privateigentum der Finanzindustrie. Das ist Fakt. Und steuert die Entscheidungen des Fed. Angeführt von Goldman Sachs und der Wall Street. Was die schon seit Jahrzehnten in der Hauptsache interessiert, zeigt folgender Chart: 



Was Ellen Brown schreibt ist richtig - hat aber leider nur Unterhaltungswert. Noch. Bis nach dem Krisenfinale.


"Wall Street versus Main Street" (Quelle: cagle-cartoons)