Samstag, 21. Dezember 2013

Standpunkt 830 - Nachrichten-Ticker, 10.12.


Regelmäßig stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance... 

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: Europas Zukunft – Deutsche Sparer – Verlorenes Jahrzehnt? – Spaniens Schmerzen  Krisengewinner General Motors (2 Beiträge)  BlackRock skeptisch (2 Beiträge)  


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht"
Es ist mittlerweile schon mehr als ein Jahr her, dass wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Nachdem nun die Große Koalition unter Dach und Fach ist, werden wir in den kommenden Wochen, die Feiertage eingeschlossen, unser Arbeitspensum erhöhen, um unser neues Dossier im Januar 2014 zur Verfügung stellen zu können.  Sicher ist bereits, dass der Koalitionsvertrag die schlimmsten Vorhaben nicht öffentlich macht. Trotzdem gibt es eine Menge Indizien dafür, wo die politische Reise der neuen Berliner Regierung unter der alten Chefin, der Eisernen Lady Kanzlerin Angela Merkel, rund um die Krise in Deutschland und Europa hingeht. Schwerpunkte unseres neuen Dossiers bilden, neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte, die Vorschläge von IWF, DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, die virtuelle Währung Bitcoin, das Zypern-Modell, die Pläne der EU zur Bankenrettung (Stichwort Bankenunion). Außerdem Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und die Folgen der angeblichen Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


Europa: Tief gespalten, aber dringend gebraucht!
(presseurop.eu) Die Gesellschaft gegen die Eliten, der Norden gegen den Süden, Deutschland gegen Frankreich, Großbritannien gegen alle: trotz zahlreicher Diskrepanzen und der daraus resultierenden Schwächung der EU auf dem neuen Weltmarkt, muss man weiter an Europa glauben, fordert der Politikwissenschaftler Dominique Moïsi. Mehr...

Kommentar: Eine hervorragende Analyse und nicht nur ein Plädoyer gegen die nationalistischen Bestrebungen zurück zur Kleinstaaterei in Europa. Damit meinen wir nicht die Separationsbestrebungen der Schotten und Katalanen, sondern die Hirngespinste in den Köpfen deutscher Rechtsaußen in Politik und Wissenschaft und ihrer Anhänger an den heimischen Stammtischen. 

Dominique Moïsi beschreibt einige unangenehme Wahrheiten, die in der Zukunft den Europäern im internationalen Vergleich das Leben schwer machen werden. Ein Beispiel: "Europäer, öffnet die Augen! Ihr werdet 2050 nur noch 6 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, während es Anfang des 18. Jahrhunderts noch 20 Prozent waren. Alle zusammen seid ihr nur sehr schwach. Auf Ebene der einzelnen Nationen seid ihr winzig! Selbst Deutschland, der neue wirtschaftliche und demographische Riese der Union, entspricht nur einem Prozent der Menschheit. Morgen wird es noch weniger sein. Gleichzeitig ist die Bevölkerung des afrikanischen Kontinents von 180 Millionen Einwohnern im Jahr 1950 auf heute mehr als eine Milliarde angestiegen. In 35 Jahren werden es sicher mehr als zwei Milliarden sein. Natürlich ist das Bevölkerungswachstum nicht allein entscheidend: der Einfluss Singapurs misst sich nicht an der Einwohnerzahl. Aber es ist ein wichtiger Faktor." Am Ende seiner Analyse des geschwächten Europas zieht  Moïsi ein klares Fazit: "Die Europäer haben keine andere Wahl als weiter an Europa und seine aussergewöhnliche Mischung von Einheit und Vielfalt zu glauben, denn sie brauchen es mehr als je zuvor." Leider fehlen dem Kontinent augenblicklich die politischen Köpfe, die diese dringende Entwicklung vorantreiben können. Wir erleben in den kommenden Jahren bestenfalls Stagnation, eher jedoch Rückschritt. Als Folge einer völlig verfehlten Krisenpolitik in Europa. Hauptsächlich verantwortet von Berlin.


Quelle: presseurop.eu


IWF fordert von Europa Reformen ein
(standard.at) IWF-Chefin Lagarde ruft wegen mauer Konjunktur und hoher Arbeitslosigkeit zur Wachstums- und Reform-Offensive auf. (...) "Um es klar zu sagen: Überall in Europa sind Reformen nötig", sagte sie in einer Rede vor dem Wirtschafts- und Sozialausschuss des Europäischen Parlaments. Lagarde kritisierte, Europa tue zu wenig für sein eigenes Wachstum und verlasse sich beim Absatz seiner Produkte viel zu sehr auf Kunden jenseits der Grenzen. Die IWF-Chefin forderte die Europäer daher dazu, das ihnen Mögliche zu tun, um die Binnennachfrage zu stärken. Mehr...


Kommentar: Gerade Deutschland ist dabei gefordert und könnte durch einfache Maßnahmen locker 100 Milliarden Euro Investitionsstau der Öffentlichen Hand auflösen. Zusätzlich noch die dringend notwendigen Sanierungen der Infrastruktur - schon bekäme der Binnenmarkt Flügel.

Drei der vier von Lagarde beschriebenen Aufgaben lassen sich nur vor dem Hintergrund eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums erledigen. Nur den "immer noch kranken Finanzsektor in Ordnung zu bringen", erfordert lediglich politischen Willen. Daran fehlt es auch in Zukunft. Die Bankenunion erfüllt diese Aufgabe nicht, das ist schon sicher. 


Sparwütige Deutsche? Das war mal
(tagesanzeiger.ch) Viel Export, wenig Konsum: Für diese Formel wurden die Deutschen in den letzten Monaten und Jahren gescholten. Jetzt wendet sich das Blatt – zum Vorteil ganz Europas. Mehr...

Kommentar: Die Schweizer sind in diesem Beitrag den Propheten des HWWI voll auf den Leim gegangen. Deren Prognosen erleiden regelmäßig das Schicksal ihrer Artgenossen - sie liegen daneben. Natürlich wünscht sich die Große Koalition Vorschusslorbeeren - und die diversen Institute liefern zuverlässig. Es genügt aber nicht, die Nachfrage nur herbeizuschreiben: "Wenn die deutschen Arbeitnehmer nun dank höheren Löhnen mehr konsumieren und deutsche Unternehmen wegen leicht gesunkener Wettbewerbsfähigkeit etwas weniger exportieren, profitieren alle." Da hilft es auch wenig, zur Verstärkung den angeblichen Aufschwung in Großbritannien als mustergültig anzuführen. Der ist künstlich erzeugt. Durch eine sich bereits abzeichnende Immobilienblase nach US-Vorbild. Das deutsche Sparverhalten ist über Generationen hinweg fast genetisch bedingt. Es wird quasi vererbt. Da reicht es nicht, dass die Arbeitnehmer ein paar Euro mehr in der Tasche haben (was wir übrigens bezweifen, wie die Analysen von QUERSCHUESSE regelmäßig bestätigen), damit sich daran etwas ändert. Krisenbedingt werden die Euros zusammengehalten, nicht ausgegeben. Bis zur Finanzkrise lag die deutsche Sparquote bei 12%, im internationalen Vergleich spitze. 



Danach hat sich das Sparverhalten geändert. Es werden Vermögensumschichtungen vorgenommen. Die jüngste Entwicklung nur für Deutschland: 


Das Konsumverhalten hat sich nicht geändert. Sobald eine aktuelle Analyse von Steffen Bogs bei QUERSCHUESSE vorliegt, werden wir darüber berichten.


Das Jahrzehnt, das verloren zu gehen droht
(project-syndicate.org) 2013 neigt sich dem Ende zu und es sieht so aus, als stecke die Weltwirtschaft im niedrigen Drehzahlbereich fest. Für diejenigen, die den Kaffeesatz der globalen Erholung lesen, bieten die Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt des letzten Quartals keinen Trost. Obwohl die USA die Nase vorn haben, könnten die Gewinne teilweise bald wieder verloren sein, da der Aufbau an Vorratsvermögen die Gewinne einbrechen lässt. Trotz einzelner Hoffnungsschimmer kommt das Jahreswirtschaftswachstum in der Eurozone und in Japan kaum über die 1-Prozent-Hürde hinaus. Und die Volkswirtschaften der wichtigsten Schwellenländer verzeichnen alle eine Verlangsamung, Russland praktisch einen Stillstand. Es ist keine Überraschung, dass ein neues Schlagwort in der wirtschaftspolitischen Debatte die Runde macht: "säkulare Stagnation". Gemeint ist die Tatsache, dass übermäßiges Sparen die Nachfrage chronisch dämpft. Der Ökonom Robert Gordon hat auch argumentiert, die Welt habe einen Mangel an produktiven Ideen. Mehr...


Kommentar: Diese Analyse von Ashoka Mody stützt zwei unserer Thesen: Die Notwendigkeit in Deutschland, trotz der (unsinnigen) Schuldenbremse endlich den öffentlichen Investitionsstau abzubauen, und die fehlende Konsumneigung im Land. Und ein bisschen auch unsere Ansicht, dass erst ein neuer New Deal 2.0 in den USA an der bescheidenen Situation der Weltwirtschaft etwas ändern wird.

Die Verantwortung für die Fehlentwicklung in den letzten Jahren benennt Mody unmißverständlich: "Die schlimmsten Missetäter waren die USA und Deutschland, die sich der Verantwortung entzogen, das gemeinsame globale Gut, das mit ihrem Status als Wirtschaftshegemonen einhergeht, zu schützen. Das Vereinigte Königreich, Verfechter haushaltspolitischer Sparsamkeit, war nicht viel besser. Fiskalpolitische Impulse dieser drei Länder – zusammen mit kleineren Beiträgen von Frankreich und China – hätten die notwendige Heilung fortsetzen können." Der Währungskrieg gegen den Euro, in den mittlerweile auch Japan eingestiegen ist, führt zu einem Kuriosum: "Die schwächste der 'drei großen' Volkswirtschaften – die Eurozone – steht so mit der stärksten Währung da." Sehr zum Leidwesen aller, die den Euro lieber heute als morgen gegen die nationalen Währungen tauschen möchten.

Ashoka Mody kommt bei seiner Analyse zu folgendem Schluss: "Ein neuerlicher globaler fiskalpolitischer Anreiz – fokussiert auf die öffentlichen Investitionen in Infrastruktur und Bildung – wäre die Adrenalinspritze, die für eine robuste Erholung notwendig wäre. Höhere öffentliche Investitionen haben einen doppelten Vorteil. Sie können die Welt aus ihrer Benommenheit aufrütteln und sie können vor einer "säkularen Stagnation" schützen. Die USA, Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und China sollten zusammenarbeiten, um diese Ankurbelung bereitzustellen. Andernfalls bleibt eine nachhaltige globale Erholung möglicherweise aus, und in dem Fall würde auch 2014 im niedrigen Drehzahlbereich enden." Unabhängig von allen propagandistischen Schönfärbereien der Wirtschaftsinstitute.

Wer sich dafür interessiert: Mit der  "säkularen Stagnation" (hier) haben wir uns hier und hier beschäftigt. Ein Streitthema.


The Pain In Spain Is Mainly... Everywhere
(zerohedge.com) Despite the ratings agencies (Moody's Dec 5th and S&P Nov 22nd) seemingly premature raising of the outlook for the nation's sovereign credit rating (from negative to stable), economic hardship in Spain looks likely to continue as loan defaults surge and the unemployment rate remains the second highest in the EU. Read more...

Kommentar: Dieser Beitrag entlarvt die Propaganda der spanischen Regierung, der EU, der Bundesregierung und der deutschsprachigen Medien zur Entwicklung in Spanien. Täglich verlieren Tausende von Spaniern ihren Job, das Dach über dem Kopf, rutschen in die Armut und demonstrieren gegen die nutzlosen Spardiktate aus Berlin und Brüssel. Die Folgen dieser dummen, unmenschlichen Politik lassen sich an den folgenden drei Charts aus dem Beitrag ablesen: 

25% of Working Population to Stay Unemployed



Bad Debts at Record High



House Prices May Fall Further


Eine Erholung, selbst eine kleine, wie von vielen beschworen, muss anders aussehen, oder nicht?


Die USA steigen mit 11 Milliarden Dollar Verlust bei General Motors aus
(format.at) Die USA haben die letzten verbliebenen Anteile am Automobilhersteller General Motors verkauft. Die Auffangaktion hat die Vereinigten Staaten rund elf Milliarden Dollar gekostet. Mehr...

Kommentar/Ergänzung: Das sind 11 Milliarden Dollar zuviel, die den US-amerikanischen Steuerzahlern aufgebürdet werden. Der muss schon für viele Hundert Milliarden an die ausländischen TBTF-Banken einstehen. Die US-Regierung muss diese Aktion als Erfolg verkaufen, sie hat einfach zu wenig vergleichbare Erlebnisse.

Natürlich gewinnen die hiesigen Leitmedien dieser Sache noch Gutes ab, wie das Beispiel der SZ zeigt. Die findet, es sei  "Alles in allem keine schlechte Bilanz" und schreibt im Vorspann: "Die USA steigen bei General Motors aus. Gut vier Jahre nach der staatlichen Rettungsaktion steht Amerikas Vorzeigeunternehmen wieder auf eigenen Beinen. Zehn Milliarden Dollar Steuergeld sind weg, aber 1,2 Millionen Jobs gerettet." Mehr dazu hier. Und vergleicht das Ganze unsachlich mit der deutschen Bankenrettung: "Deutschlands Bankenrettung war schwieriger". Der genannten Zahl von 1,2 Millionen geretteter Jobs misstrauen wir. Der Urheber, das Center for Automotive Research, hat allen Anlass zur Beschönigung der Wirklichkeit. Die nächste staatliche Rettungsaktion kommt bestimmt. Natürlich fehlen auh nicht die üblichen Schleimspuren: "(...) bei GM ist unterm Strich alles gut gegangen. US-Präsident Obama sagt, es sei eine kalkulierte Wette gewesen: 'Als die Dinge düster aussahen für unsere Ikonenindustrie, wetteten wir auf das, was wahrlich noch da war: die Beharrungskraft der stolzen, hart arbeitenden Männer und Frauen, die dieses Land stark gemacht haben.' GM-Chef Dan Akerson sagt: "Wir werden immer dankbar sein für die zweite Chance, die uns gewährt worden ist." 90 Milliarden erwerbsfähige US-Amerikaner ohne Job sind Obama sicherlich dankbar. 


BlackRock Warns "High Valuations & Low Volatility Are A Lethal Mix"
(zerohedge.com) BlackRock said there is a 20% risk that world events could go badly wrong, either because the eurozone acts too late to head off deflation or because of a chain reaction as the Fed starts to wind down stimulus in earnest. As The Telegraph notes, BlackRock’s risk indicator is almost as high as it was just before the dotcom bust. "The ratio of the two is the key. High valuations combined with low volatility can make for a lethal mix. This market gauge sounded the alarm well before the Great Financial Crisis." Furthermore, the largest asset manager in the world warns, "troubling trends of growing inequality and weak wage growth, bring into question the sustainability of profit margins." What is good for investors is corrosive for societies, hardly tenable equilibrium. Read more...

Kommentar/Ergänzung: Das Ergebnis einer in wichtigen Teilen verfehlten Notenbank- und Regierungspolitik hüben wie drüben. Wir wünschen uns, dass sich von der Umverteilung zu Gunsten der Reichen und Schönen viel wieder in Luft auflöst, ähnlich der Dotcom-Blase von 2000. Bisher ist der Nutzen aus den Maßnahmen der Notenbanken und Regierungen sehr einseitig verteilt, wie die folgende Grafik aus dem Beitrag am Beispiel der USA zeigt: 



Wie lange kann die Wall Street ihren Kampf gegen die Mainstreet noch ungeschoren fortsetzen? 

Der britische TELEGRAPH interpretiert das Thema so: "World's biggest investor BlackRock says US rally nearing exhaustion" und schreibt dazu in der Einleitung: "BlackRock has advised clients to be ready to pull out of global stock markets at any sign of serious trouble". Mehr hier. Lesen lohnt sich.