Donnerstag, 2. Januar 2014

Standpunkt 842 - Nachrichten-Ticker, 01.01.


Regelmäßig stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance... 

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Unser Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht"
Es ist mittlerweile schon mehr als ein Jahr her, dass wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Nachdem nun die Große Koalition unter Dach und Fach ist, werden wir in den kommenden Wochen, die Feiertage eingeschlossen, unser Arbeitspensum erhöhen, um unser neues Dossier im Januar 2014 zur Verfügung stellen zu können.  Sicher ist bereits, dass der Koalitionsvertrag die schlimmsten Vorhaben nicht öffentlich macht. Trotzdem gibt es eine Menge Indizien dafür, wo die politische Reise der neuen Berliner Regierung unter der alten Chefin, der Eisernen Lady Kanzlerin Angela Merkel, rund um die Krise in Deutschland und Europa hingeht. Schwerpunkte unseres neuen Dossiers bilden, neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte, die Vorschläge von IWF, DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, die virtuelle Währung Bitcoin, das Zypern-Modell, die Pläne der EU zur Bankenrettung (Stichwort Bankenunion). Außerdem Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und die Folgen der angeblichen Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


Tagesthemen: Nachtrag zu Hans-Werner Sinn will Europa retten – Eurokrise historisch – JPMorgan: Notenbanken treiben Aktienmärkte 2030: Großbritannien vor Deutschland? (3 Beiträge) 


Nachtrag zu "Hans-Werner Sinn will Europa retten": Für unseren gestrigen Kommentar zu dem Beitrag des deutschen "Star-Ökonomen" (O-Ton diverser deutscher Führungsmedien) bei PROJECT SYNDICATE (hier) haben wir Kritik einstecken müssen. Die uns aber auch zeigt, wie erfolgreich sich Sinn in der heimischen Öffentlichkeit präsentiert. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie die Faktenlage tatsächlich ist. Wenn Sinn spricht, dann ist es das Evangelium. Das passt zusammen: Bei dem geht es bekanntlich auch um das Glauben, nicht um das Wissen.

Statt einer schriftlichen Replik auf die Vorwürfe unserer Kritiker möchten wir mittels der folgenden Grafiken darauf antworten: 


Angesichts dieser Enwicklung heute noch die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer durch Lohnkürzungen zu verlangen, lässt uns an der ehrlichen Absicht des Professors aus München zweifeln. Ähnliches gilt für die Sinn'sche Forderung nach Preissenkungen: In Griechenland herrscht Deflation. Krisenlösend wirkt das nicht, oder? 


Was diese Übersicht zeigt, hat die ZEIT einmal als "Das größte Geschenk aller Zeiten" betitelt und so auf den Punkt gebracht: "Die Bundesregierung feierte ihre Unternehmensteuerreform – bis die Konzerne aufhörten, Steuern zu bezahlen." Mehr dazu hier. Da haben nicht nur die südeuropäischen Krisenländer keine Chance, sondern der ganze andere Rest auch.


Noch ein Beispiel dafür, womit sich Deutschland Vorteile gegenüber seinen Konkurrenten verschafft.

Für Hans-Werner Sinn spielt das alles keine Rolle. Er ignoriert stur die Wirklichkeit und erinnert uns damit fatal an die Fehlentscheidungen in Deutschland während der Krisen in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Obwohl er, gemeinsam mit allen anderen Verblendeten, von den zu späten Einsichten von damals lernen könnte: "Kein Staat kann auf die Dauer einen wirklichen Vorteil aus der Not der anderen Länder erwarten" (Reichskanzler Heinrich Brüning). 


Euro-Krise und Erster Weltkrieg: Das Undenkbare durchdenken
(spiegel.de) Frieden und Wohlstand: Vor 100 Jahren erschien Europa als Insel der Stabilität. Wenige Monate später begann der Erste Weltkrieg. Geschichte wiederholt sich nicht. Aber ein paar Parallelen sollten uns in der Euro-Krise schon zu denken geben. Mehr...

Kommentar: Eine Menge bemerkenswertes Gedankenfutter, das Wolfgang Münchau den LeserInnen in seiner aktuellen Kolumne anbietet. Klar und deutlich beschreibt er leicht verständlich den politischen Nonsens, mit dem Europa in das neue Jahr startet. Es sind eine ganze Reihe gordischer Knoten und weit und breit Niemand in Sicht, der sie zerschlagen können will. Scheinbar leben alle politischen Entscheider quer durch Europa gut damit, an diesem unseligen Zustand festzuhalten. Wohl wissend, dass mit der Zeit diese Versäumnisse nicht mehr zu korrigieren sind und schmerzlichen Tribut fordern. Dieses Mal voraussichtlich nicht millionenfache Menschenleben durch einen militärischen Krieg, sondern billionenschwere finanzielle Opfer der Menschen. Was aber nicht ausschließt, dass sich viele unter dem Druck dieses Verlustes das Leben nehmen. Eine fatale Folge, die bereits in den bisherigen Krisenländern zu beobachten ist. 

Die von Münchau beschriebene Ignoranz und fehlende Einsicht verursachen in der Öffentlichkeit hierzulande (noch) keine Sorgen. Alle Lager sind sich in einer Sache einmalig einig: Es ist eine Schuldenkrise und keine Bankenkrise. Deshalb lassen sich die Schuldigen auch ganz einfach adressieren: Die PIIGS-Staaten sind dafür verantwortlich, in denen die Menschen angeblich auf der faulen Haut liegen, die Regierungen einen schlechten Job machen und alle zusammen auf Kosten der Deutschen leben. So lange dieser Irrtum die Diskussionen beherrscht, so lange gibt es keine Chance, die Krise mit wirkungsvollen Maßnahmen zu beenden und anschließend die EU weiter zu entwickeln. 


JPMorgan Presents "The Era Of Central Bank-Driven Equity Rallies"
(zerohedge.com) Back in April, when the S&P500 was at 1580 we forecast [3]that the price target on the S&P500 for the global central bank syndicate was 1900. The S&P closed the year at 1850, just barely missing said target, which was merely a function of the correlation between the stock market and the straight-line, diagonally expanding consolidated central banks' balance sheet (yes, it is a "market" for idiots, but such is life under central planning... while it lasts). Incidentally, there was a time as recently as two years ago, when saying the Fed is merely propping up stocks, was blasphemous in polite economist circles. Since then even the most tenured economists (not to mention the US Treasury) have finally admitted the truth, and in the process none other than JPMorgan itself has just issued a chart titled "The era of central bank-driven equity rallies." 


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Kommentar: "Money makes the world go round". Aber leider nur das der Spekulanten und Glücksritter der Finanzindustrie in ihrem weltweiten, rund um die Uhr geöffneten Finanzcasino. Die werden von den Notenbanken ausreichend mit Geld versorgt, gehegt und gepflegt, während die Welt außerhalb dieses Universums immer mehr in Not und Elend versinkt. Wer sich davon noch nicht betroffen glaubt, befindet sich nicht auf dem rettenden Ufer, sondern nur auf einer kleinen Insel der Glückseligkeit. Die wird, wenn der Krisenpegel weiter steigt, unweigerlich überschwemmt werden.


Stellt Großbritannien Deutschland in den Schatten?
(handelsblatt.com) Großbritannien wird Deutschland in weniger als zwei Jahrzehnten bei der Wirtschaftsstärke überflügeln, prognostiziert ein Forschungsinstitut. Demnach einzige Chance, den Trend zu brechen: die Rückkehr der D-Mark. Mehr...

Kommentar/Ergänzung: Eine (Gefälligkeits-)Studie (hier), die vielen nützlich ist: Den Briten streichelt sie die geschundene Seele und stärkt ihre Abneigung gegen die EU im Allgemeinen und den Euro im Besonderen, den Euro-Gegnern in Deutschland liefert sie ein neues Werkzeug, um damit ihre Forderung nach einem Ende der Gemeinschaftswährung zu untermauern. 

Die Qualität der Studie wird von uns angezweifelt. Sie basiert auf Annahmen und Mutmaßungen, deren Wahrscheinlichkeit wir nicht besonders hoch einschätzen. Eher sprechen die absehbaren Entwicklungen gegen Großbritannien: Wir erwarten den Verlust der Öleinnahmen durch die Separation Schottlands, sehen unbeherrschbare Risiken durch eine nahezu vollständige Abhängigkeit von der Londoner City und deren zum Geschäftsmodell erklärten Betrügereien und gehen bereits heute von einer totalen Überschuldung des Landes bei Berücksichtigung aller öffentlichen und privaten Schulden aus. Die folgenden Grafiken veranschaulichen die Probleme Großbritanniens:











Weitere Erklärungen dazu halten wir für entbehrlich.

Bleibt noch als Option die Rückkehr Deutschlands zur D-Mark. Sicherlich eine denkbare, aber keine machbare Option - weil für Deutschland unbezahlbar. Die Eurozone sichert den deutschen Banken den ungehinderten Zugriff auf die Ersparnisse von mehr als 300 Millionen Menschen, um damit ihre Verluste zu minimieren. Im Fall eines Ausstiegs oder der Auflösung der Gemeinschaftswährung muss Deutschland die Verluste seiner Banken alleine tragen. Vollkommen unmöglich. Natürlich ist eine neue Währung denkbar - aber erst, nachdem die Verluste der Banken sozialisiert, d. h. auf die Staaten übertragen worden sind. Die entschulden sich anschließend durch eine Enteignung ihrer Bürger. Logisch muss das vor der Durchführung einer Währungsreform geschehen oder ist wichtiger Teil davon. Die deutsche Geschichte liefert reichlich Anschauungsmaterial für diese Prozedur. 

Die Euro-Gegner melden sich flux zu Wort: "Deutschland verliert wegen Euro wirtschaftliche Vormacht in Europa" titelt beispielsweise DEUTSCHE-WIRTSCHAFTS-NACHRICHTEN und hat schon Gewissheit: "Deutschland wird wegen des Euro seine wirtschaftliche Dominanz in Europa verlieren. Einer Prognose eines britischen Think Tanks zufolge wird die neue Nummer 1 spätestens im Jahr 2030 Großbritannien heißen. Nur ein Auseinanderbrechen der gemeinsamen Währung könnte Deutschlands Spitzenposition sichern." Mehr hier.

Ungewollt spielt George Soros mit seinem aktuellen Beitrag "Verlagerungen in der Weltwirtschaft" diesen Leuten in die Karten. Einleitend schreibt er: "Während sich das Jahr 2013 dem Ende zuneigt, wirken sich die Bemühungen der meisten einflussreichen Volkswirtschaften weltweit – ausser in der Eurozone – positiv aus. Alle die Weltwirtschaft nun noch bedrohenden Probleme sind politischer Art. Nach 25 Jahren der Stagnation versucht Japan derzeit, seine Wirtschaft durch eine quantitative Lockerung nie dagewesenen Massstabs zu beleben. Es ist ein riskantes Experiment: Schnelleres Wirtschaftswachstum könnte die Zinsen in die Höhe treiben und so den Schuldendienst unbezahlbar machen. Aber Ministerpräsident Shinzo Abe ist lieber bereit, dieses Risiko einzugehen, als Japan zu einem langsamen Tod zu verurteilen. Und zieht man die begeisterte Unterstützung der Öffentlichkeit als Massstab heran, gilt Gleiches für die normalen Japaner. Die Europäische Union andererseits steuert auf die Art anhaltender Stagnation zu, der Japan verzweifelt zu entkommen sucht. Dabei steht viel auf dem Spiel: Nationalstaaten können ein verlorenes Jahrzehnt oder mehr überleben, aber die EU – eine unvollständige Gemeinschaft von Nationalstaaten – könnte dadurch leicht zerstört werden. Das auf dem Modell der D-Mark aufbauende Design des Euros hat einen fatalen Fehler. Die Schaffung einer gemeinsamen Zentralbank ohne gemeinsames Finanzministerium bedeutet, dass Staatsanleihen auf eine Währung lauten, die kein einzelnes Mitgliedland kontrolliert, was die Mitgliedländer einem Ausfallrisiko aussetzt. Infolge des Crashs von 2008 sind mehrere Mitgliedländer überschuldet, und die Risikoaufschläge haben die Spaltung der Eurozone in Gläubiger- und Schuldnerländer zum Dauerzustand gemacht." Es ist kein Wunder, wenn Soros am Ende seines Beitrags zu dem Schluss kommt, "die USA gehen gestärkt aus der Krise hervor". Mehr hier.