Mittwoch, 17. September 2014

Standpunkt 951 - Sonderbeitrag: Schottlands Separation


Scots do it well - maybe

Die Deutschen sind wahre Klugscheißer. Alles wissen sie besser, überall mischen sie sich ein. Wer daran überhaupt noch zweifelt, der muss sich nur mit den Beiträgen der heimischen Leitmedien zum anstehenden Referendum in Schottland beschäftigen. Von ganz wenigen unauffälligen Ausnahmen abgesehen strotzen sie vor unerträglicher Besserwisserei. Dabei geht es auch anders. Die deutschsprachigen Medien in der Schweiz oder Österreich halten sich fein raus oder berichten sachlich - nicht so die Top-Adressen hierzulande. Da wird kräftig ausgeteilt und den abtrünnigen Schotten die Leviten gelesen. 

Gerade erst hat sich DIE WELT noch einmal klugscheißerisch zu Wort gemeldet: "Schotten, ihr nervt – und zwar beträchtlich!". Im Vorspann heißt es: "Es sieht so aus, als ob die Schotten nächste Woche für die Trennung vom britischen Staat stimmen. Warum das so ist, verstehen nur sie selbst. Alle Europäer denken: Wir haben wirklich andere Probleme." Mehr hier. In dem Beitrag erklärt die Autorin den Schotten, wie sie bitte schön die heile Welt zu sehen haben, nur um am Schluss für das Referendum zu fordern "Tun Sie uns das nicht an!"

Ähnlich herzhaft titelt wenige Tage zuvor CICERO, das selbsterklärte "Magazin für politische Kultur". Dort fragt Andreas Theyssen "Sind die Schotten noch ganz dicht?". Und gibt in seinem Vorspann die Richtung vor: "Schottland, Katalonien und der ukrainische Donbas – in Europa sind die Separatisten auf dem Vormarsch. Politisch und ökonomisch sind die Unabhängigkeitsbestrebungen absurd." Mehr hier. Der nächste Klugscheißer. Absurd ist es, die Unabhängigkeitsbestrebungen als "absurd" zu bezeichnen. Das zeigt einmal mehr, wie gering das Demokratieverständnis mittlerweile in den Amtsstuben der deutschen Meinungsmacher ausgeprägt ist. Die von Mutti Angela Merkel im Sommer 2011 ausgegebene Losung der Schaffung einer "marktkonformen Demokratie" (der genaue Wortlaut steht hier) verträgt sich nicht mit den Werten der klassischen Demokratie (für "Herrschaft des Volkes"). Das haben die Mainstream-Journalisten hierzulande längst tief verinnerlicht. Vielleicht sehen wir Gespenster, aber uns erinnert diese Politiktreue längst an die dunkelste Zeit deutscher Geschichte, in der sich die Medien - nahezu geschlossen - bereitwillig in den Dienst der Sache gestellt haben: Hitlers Machtergreifung in den 1930ern. Die Lehren daraus sind offensichtlich verblasst. Für Deutschland gilt: Die vierte Gewalt ist tot, es lebt die regierungstreue Propaganda. 

Natürlich geht es der WELT um das große Ganze, da müssen die Interessen eines kleinen Volkes, selbst wenn sie historisch gewachsen sind, hinten anstehen. Warum das so ist, erklärt der britisch-deutsche Journalist Alan Posener in seinem Kommentar "Schottland bringt Europas Kartenhaus zum Einsturz". In der Einleitung schreibt er: "Dass auf den Inseln gerade die britische Familie zerbricht, dürfte den Deutschen eigentlich nicht egal sein. Die Unabhängigkeit Schottlands würde die Balance in der Europäischen Union massiv stören." Mehr hier. Der Beitrag ist gespickt mit Behauptungen, Fakten liefert er keine. Schottland als Teil der "britischen Familie"? Das sehen die wenigsten Schotten so. Eine Gefahr für das Gleichgewicht in der EU? Welches Gleichgewicht? Die Schotten gelten, im Unterschied zu den Briten, als begeisterte Europäer. Sie können der baufälligen Union mehr Stabilität verleihen. Scheidet "Restbritannien" aus der EU aus, was früher oder später erwartet wird, haben die Befürworter eines starken Europas vielleicht sogar ein Übergewicht. Zeit wird's.

Gefahr für die Einheit Europas sieht auch Wolfram Weimer in seinem Beitrag "Das Manufactum der Demokratie" für das HANDELSBLATT. Der Vorspann: "Die drohende Abspaltung Schottlands von London könnte eine Zeitenwende in Europa einläuten. Nach Jahrzehnten der Zentralisierung werden zentrifugale Kräfte stark – von Flamen bis Bayern. Deutschland droht eine Debatte." Mehr hier. Weimer schürt die Angst vor einem Zerfall Europas damit, dass er den Eindruck vermittelt, Schottland wäre wegbereitend für alle anderen Separationsbestrebungen in Europa. Das ist Nonsens, wie wir demnächst in einem neuen Sonderbeitrag noch näher ausführen werden. Selbst die bayerische Sehnsucht nach Eigenständigkeit wird im Fall einer Abspaltung Schottlands nicht neuen Zulauf erhalten. Die Auflage des Scharnagl'schen Buches "Bayern kann es auch alleine" wird davon kaum nennenswert steigen.  Brandaktuell berichtet HEISE-TELEPOLIS in dem Beitrag "Zerbricht Deutschland?" "zur aktuellen Situation der Separatisten in Bayern". Mehr hier.

Überhaupt ist das - mangels Alternativen - ein gern benutztes Argument. Das deutsche Finanzportal FINANZEN100 titelt beispielsweise "Wahl: Wenn Schottland unabhängig wird, rebellieren diese Regionen". Einleitend heißt es: "Alle Augen auf Schottland: Stimmt das Land am kommenden Donnerstag für seine Unabhängigkeit, könnte eine Welle durch Europa gehen. Zahlreiche weitere Regionen scharren schon mit den Hufen. Schottland könnte ein gefährlicher Präzedenzfall werden." Mehr hier. n-tv stellt die Frage "Was, wenn sich die Schotten abspalten?" und argumentiert in die gleiche Richtung: "In zehn Tagen stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Berthold Busch, Volkswirtschaftler am Institut der deutschen Wirtschaft, warnt: Eine Abspaltung könnte unkalkulierbare Folgen haben - auch weil sie separatistische Bewegungen in ganz Europa befördern könnte." Mehr hier. Erstaunlicherweise bleibt Busch eine Erklärung für die unkalkulierbaren Folgen durch die Beförderung der Separation in Europa schuldig. Mutmaßlich aus guten Gründen. Alle sonst bekannten Separationsbestrebungen sind nicht neu und gären schon seit (vielen) Jahren. Der auch von Busch als Folge der Abspaltung behauptete Austritt Schottlands aus der EU ist, spätestens seit Barroso's Vorstoß (hier), gängiges Argument. Gesichert ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Die DEUTSCHE WIRTSCHAFTS-NACHRICHTEN melden dazu im August: "Schottland darf auch bei Unabhängigkeit EU-Mitglied bleiben". Dort heißt es u. a.: "Schottland bleibt auch unabhängig von Großbritannien EU-Mitglied. Darüber sind sich Juristen der Universität Edinburgh sicher. EU-Kommissionspräsident Barroso hatte Schottland im Falle einer Abspaltung mit einem EU-Ausschluss gedroht. Doch selbst die Juristen in Brüssel sehen den Fall ganz anders." Mehr hier

Das österreichische WIRTSCHAFTSBLATT erweitert Anfang August das schottische Dilemma: "Schottland. Bei Unabhängigkeit blüht EU-Ausstieg und Verlust der Währung". Der Autor schreibt im Vorspann: "In sechs Wochen stimmen die Schotten darüber ab, ob sie von Großbritannien unabhängig sein wollen. Das birgt mehr Gefahren, als die schottische Regierung offensichtlich wahr haben will." Mehr hier. Stichhaltiges liefert der Beitrag jedoch nicht. Es wird nachgeplappert, was das offizielle Europa für richtig hält. Nicht anders der Beitrag "Risiken und Nebenwirkungen von Schottlands Unabhängigkeit für die EU" bei EURAKTIV: "Am 18. September stimmen die Schotten über die Unabhängigkeit ihres Landes vom Vereinigten Königreich ab. Eine Entscheidung für die Unabhängigkeit würde auch die Europäische Union schwer belasten (...)". Mehr hier

Nachdem die Karte "EU-Austritt" in der Diskussion um das schottlische Referendum nicht so richtig zu stechen scheint, verlagert sich auch andernorts der Themenschwerpunkt auf die Währungsfrage. Die F.A.Z. behauptet am 07.08.2014 vor diesem Hintergrund: "Großbritannien droht die Zerreißprobe". Einleitend schreibt der Autor dazu: "Im September stimmen die Schotten über die Abspaltung von Großbritannien ab. Politiker und Börsianer unterschätzen die Risiken. Vor allem die Währungsfrage ist ein Problem." Es geht aufschlussreich weiter: "Großbritannien droht schlecht vorbereitet in ein beispielloses ökonomisches Großexperiment hineinzustolpern. In sechs Wochen werden die Schotten in einem Volksentscheid über die Abspaltung vom Rest des Vereinigten Königreichs und
die Gründung eines eigenen Staates abstimmen. Eine mögliche Aufspaltung von Europas drittgrößter Volkswirtschaft in zwei souveräne Nationalstaaten könnte das Land in ein politisches und wirtschaftliches Chaos stürzen, und Großbritanniens Banken- und Finanzsystem destabilisieren und zu einer Regierungskrise führen. Doch bei Bankanalysten und ausländischen Diplomaten wächst die Besorgnis, dass sowohl die britische Politik als auch die Finanzmärkte die Risiken des Referendums unterschätzen."
Mehr hier. Am Ende dieses Beitrages kann man nur eine Meinung gewinnen: Die jüngste Drohung aus London "Wenn ihr geht, verliert ihr auch das Pfund", formuliert von der WELT (hier), ist nichts als heiße Luft. Trotzdem behauptet auch die F.A.Z. unverdrossen: "Unabhängiges Schottland darf Pfund nicht behalten". Die Zeitung schreibt: "Sollte Schottland für die Unabhängigkeit stimmen, kann es das Pfund nach Einschätzung der britischen Notenbank nicht behalten. Eine Währungsunion sei mit einer Souveranität Schottlands 'nicht vereinbar'." Mehr hier.


Es geht bei diesem Streit natürlich auch um den Euro, eine mögliche Alternative für ein unabhängiges Schottland. "Unabhängigkeitsgegner warnen vor dem Euro" untertitelt Peter Mühlbauer seinen Beitrag "Schottland: Verunsicherung vor dem Referendum" für HEISE-TELEPOLIS (hier), vom 15.09.2014. 

Die Antwort der abtrünnigen Schotten auf den angedrohten Verlust des Pfund ist eindeutig: "No currency, no debt". Peter Mühlbauer fasst in seinem Beitrag vom 28.08.2014 bei HEISE-TELEPOLIS zusammen: "Schottland will nur dann einen Teil der britischen Staatsschulden übernehmen, wenn man ihm das Pfund belässt". Mehr hier. London legt nach: "You Can Take Your Scottish Freedom... But You'll Never Take Our Gold" meldet ZERO HEDGE in den USA. Auszug:  "As Reuters reports, an independent Scotland could lay claim to a part of the United Kingdom's 310-tonne gold reserves if votes go in favour of the 'Yes' campaign this month, with ownership of Britain's bullion hoard up for negotiation along with other assets." Mehr hier. Na und? Wir denken an die schottischen Öl-Vorkommen... Die Abtrünnigen haben bereits einen Plan: "Geiz ist geil: Wie die Schotten ohne England überleben wollen" titelt der FOCUS. Der Vorspann: "Die Mehrheit der Schotten ist bei der anstehenden Abstimmung für die Unabhängigkeit. Wie die Schotten in die Zukunft gehen wollen – und was die Unabhängigkeit für England bedeutet." Mehr hier

Der britische Wirtschaftshistoriker Harold James stellt die Frage "Soll Schottland das Pfund aufgeben?". James erklärt: "Das drängendere Problem der Schotten ist das Geld. Die Frage, ob ein unabhängiges Schottland weiterhin das britische Pfund als Währung haben könnte oder sollte, beherrschte in den letzten Monaten die Diskussionen der Referendumskampagne. Je nachdem, welchen Weg Schottland einschlägt, könnte das Ergebnis - für Schottland, Großbritannien und Europa - sehr unterschiedlich ausfallen." Mehr hier. Am Ende schlägt James die Einführung des Euro vor. 

Der Schweizer TAGES-ANZEIGER sieht nur Nachteile für Schottland, egal für welche Währung sich der neue Staat entscheidet. In dem Beitrag "Schottlands grosse Geldfrage" heißt es eingangs: "Pfund, Euro – oder sogar ein eigener Dollar? Niemand weiss, mit welcher Währung die Schotten bei einem Ja zur Unabhängigkeit künftig bezahlen. Alle drei Varianten hätten Nachteile." Mehr hier. Eine sehr ausführliche Darstellung der unterschiedlichen Optionen. Die aber die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und den großen Öl-Reichtum außer acht lässt. Heute haben die "Weltwirtschaftserklärer" der Schweizer FINANZ UND WIRTSCHAFT aber noch einmal nachgelegt: Der Beitrag "Die Euro-Lehre für die Schotten" macht die Gemeinschaftswährung madig: "Verblüffenderweise wird die Kernfrage einer potenziellen schottischen Unabhängigkeit eher am Rande diskutiert: Wie geht es mit der Währung weiter? Dabei müsste die Entwicklung in der Eurozone eine Warnung sein. Wenn man so etwas angeht wie den Plan einer Unabhängigkeit Schottlands, sollte man sich darüber Gedanken machen, wie das funktionieren soll. Die Frage der Währung ist dabei zentral. Wie es aussieht, soll bei der Unabhängigkeit das britische Pfund weiter die Währung der Schotten bleiben – in einer Währungsunion mit England oder indem die Schotten das Pfund von sich aus als Währung weiter behalten. Nicht Thema dieses Beitrags  dagegen ist die Frage, was es bedeuten würde, wenn die Schotten eine neue Währung einführen wollten, ebenfalls nicht, welche Konsequenzen die Abspaltung für England hätte und auch nicht, was von der Sezessionsidee an sich zu halten ist." Mehr hier. Es sind halt doch Perfektionisten, die Schweizer, vor allem in Gelddingen. Dabei vergessen sie schon mal, wie langwierig zeitraubend die praktische Umsetzung einer Separation ist. Da macht es - gerade in (Finanz-)Krisenzeiten wie heute - keinen Sinn, die Frage der Währung in den Mittelpunkt zu stellen. Niemand weiss heute, ob es in 5 bis 6 Jahren, so lange werden die Verhandlungen über die Umsetzung der Aufspaltung veranschlagt (leicht kann es noch länger dauern!), überhaupt noch das Pfund, den Euro, Dollar, usw. gibt. Sehr wahrscheinlich ist doch, dass das Finanzsystem weltweit kollabiert und dann der Herzenswunsch des IWF nach einer weltumspannenden Einheitswährung in Erfüllung geht. Da können die Argumente des Autors Mark Diem Maier noch so schlüssig erscheinen: Nach absehbaren Finanzkollaps ist alles anders. Wetten?     

Londons Hilflosigkeit treibt überraschende Blüten. HEISE-TELEPOLIS titelt am 14.07.2014 "Britische Regierung lockt Schotten mit Weltraumbahnhof". In der Einleitung dazu heißt es: "Am 18. September stimmen die Schotten darüber ab, ob sie sich von Großbritannien lösen oder nicht. Die britische Regierung plädiert entschieden dafür, dass die Nation im Vereinigten Königreich verbleibt. Nun stellt sie Schottland den Bau eines Weltraumbahnhofs in Aussicht: Von den acht Standorten, die dafür geprüft werden, befinden sich sechs nördlich des Hadrianswalls: Stornoway auf den Äußeren Hebriden, Campbeltown auf der Halbinsel Kintyre, Kinloss und Lossiemouth im Nordosten und Leuchars und Glasgow-Prestwick in Zentralschottland." Mehr hier. Natürlich soll es ein noch mehr an Autonomie geben. Ralf Streck schreibt Mitte Juni an den Anfang seines Beitrags "Noch drei Monate bis zur Unabhängigkeit Schottlands?" für HEISE-TELEPOLIS: "Das 'YES' zur Unabhängigkeit wird immer stärker und die britischen Konservativen bieten aus Angst für einen Verbleib die Ausweitung der Autonomie an". Mehr hier. Streck berichtet auch über den Einsatz Prominenter für den Verbleib im Vereinigten Königreich (J. K. Rowling, David Bowie, Roger Moore) und dagegen (der britische Filmemacher Ken Loach, der britische Musiker Billy Bragg, Sean Connery). Der SPIEGEL titelt dazu "Sean Connery wirbt für Unabhängigkeit Schottlands". Die Einleitung: "'Die Gelegenheit ist zu gut, um sie zu verpassen': Sean Connery hofft, dass die Schotten für die Unabhängigkeit von Großbritannien stimmen. Doch in dieser Frage sind nicht alle Promis seiner Meinung." Mehr hier.

Der Hintergrund dieser und ähnlicher Avance(n) ist nachzuvollziehen. Die Abspaltung Schottlands ist für Rest-Britannien mit erheblichen wirtschaftlichen und finanziellen Risiken verbunden. Schon im vergangenen April meldeten die DEUTSCHE WIRTSCHAFTS-NACHRICHTEN Unangenehmes in Richtung London: "Bei Schottland-Abspaltung droht Großbritannien schlechteres Rating". Der Vorspann bringt es auf den Punkt: "Sollte Schottland sich unabhängig erklären, droht die Rating-Agentur Fitch dem Vereinigten Königreich mit einer Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit. Eine schottische Abspaltung würde die Fähigkeit Großbritanniens einschränken, seine Schulden fristgerecht zu bedienen, so Fitch.". Mehr hier. Fitch ist neben Moody's und S&P's die weltweit wichtigste Ratingagentur. Zwei Monate vorher meldete bereits die britische FINANCIAL TIMES: "S&P warns Scotland would struggle to match UK credit rating". Aus der Einleitung: "Scotland would struggle to match the UK’s AAA credit rating with Standard & Poor’s if it failed to negotiate a currency union with London or the eurozone, the credit rating agency warned on Thursday. In a report setting out its initial thinking before undertaking a formal ratings exercise, S&P highlighted many potential strengths of an independent Scottish economy, but noted that the UK’s near-top-notch rating depended on its power to issue a global reserve currency." Mehr hier. Mit Bezug auf den gleichen Report titelt der Finanzdienstleister YES International "Credit Agency Say Scotland Would Have AAA Credit Rating". Und schreibt dazu: "Standard & Poor's have concluded that Scotland's wealth levels 'are comparable' to those of AAA-listed nations, and that as an independent country – even without North Sea oil – Scotland will qualify for S&P's 'highest economic assessment'." Mehr hier. Das hat natürlich in den deutschsprachigen Leitmedien keinen Anklang gefunden. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftsleistung eines eigenständigen Schottlands hat sich die Schweizer FINANZ UND WIRTSCHAFT schon im Juni mit der Frage beschäftigt "Wie gross ist Schottland?". Und, gestützt auf Moody's, dazu die folgende aussagekräftige Grafik veröffentlicht: 
Mehr hier. Das kann sich ohne weiteres sehen lassen. 

Dankbar registrieren wir, dass Österreichs WIRTSCHAFTSBLATT am 19.08.2014 in dem Beitrag "Scheiden tut weh: Schottland-Abspaltung von Großbritannien könnte Pfund straucheln lassen" immerhin negative Folgen für Großbritannien andeutet: "Sollten die Schotten am 18. September für eine Abspaltung ihres Landes von Großbritannien stimmen, dürfte das gerade für das Pfund eine schmerzhafte Angelegenheit werden. Auch die britische Wirtschaft dürfte straucheln – von einer Reihe offener Fragen ganz zu schweigen..." Mehr hier. Selbst in Deutschland beschäftigt sich die WELT vor wenigen Tagen in dem Beitrag "Schwerer Sturm zieht auf über Britannien" ohne spürbare Polemik gegen den Norden mit den möglichen Problemen für London: "Es scheint, als könnten sich die Schotten beim Referendum ganz von Großbritannien verabschieden. Das hätte dramatische Folgen für Elizabeths Empire - und würde den Job von Premier Cameron gefährden." Mehr hier. Endlich ein deutschsprachiger Beitrag, randvoll mit Informationen zum Thema. Ergänzend dazu auch ZERO HEDGE, "How The UK Would Look Like Without Scotland", hier. Und eine lesenswerte Analyse von GLOBAL RESEARCH: "Scotland’s Independence from the United Kingdom: What Happens to England?", hier. FINANZEN100 legt heute den Beitrag "18. September: Darum geht es beim schottischen Referendum wirklich" vor, der sich ebenfalls mit den Folgen einer schottischen Abspaltung für den Rest der Union beschäftigt: "Bei einer Unabhägigkeit Schottlands hätte England viel zu verlieren." Mehr hier.   

Währenddessen lässt die Finanzindustrie nichts unversucht, London zu helfen. ZERO HEDGE schlagzeilt am 23.08.2014 "Scottish Independence 'Yes' Vote Is A 'High Risk' Event, Citi Warns". Aus der Einleitung: "A 'Yes' vote for Scottish independence represents a 'high risk' event according to Citi's Michael Saunders. With the so-called 'neverendum' now less than a month away, Citi continues to highlight three particular concerns if Scotland does vote for independence: Scotland’s relatively weak fiscal position, Scotland’s large banking system and uncertainties over the currency arrangements of an independent Scotland. The Scottish Government seems to be seeking a policy of 'sterlingisation' - which even their economic advisors judge 'is not likely to be a long-term solution.' For now a 'no' vote is most likely, however, even if the Scottish referendum does not pass, the UK political landscape is likely to remain in a state of flux." Mehr hier. Der britische THE TELEGRAPH titelt "'High risk event': Citi warns over Scottish Yes vote". Im Vorspann heißt es: "Scottish independence could create major economic and political uncertainty, experts have warned. And even a No vote might pose long term risks for country". Mehr hier. Es meldet sich auch eine der Schweizer Großbanken zu Wort: "Credit Suisse Warns Of 'Self-Fueling Negative Feedback' In Scotland; Here's Who Is Exposed" meldet am 12.08.2014 ZERO HEDGE. "While we noted earlier the dramatic outflows and record selling in stocks in UK, Credit Suisse warns, it could get much worse..." heißt es dort. Mehr hier. Natürlich darf auch die Deutsche Bank nicht fehlen. Und gibt - wie gewohnt - den Oberlehrer: "Deutsche Bank warnt Schottland" titelt das HANDELSBLATT. Aus dem Vorspann: "'Schottland: Falsche Richtung'. So lautet der Titel eines Papiers, mit dem die Deutsche Bank vor einer Abspaltung Schottlands von Großbritannien warnt." Mehr hier. Die Analyse beruht auf Annahmen, nicht auf gesicherten Fakten. Deshalb ist jede der getroffenen Aussagen wertlos und bestenfalls Glaubenssache. Auch aus Schottland selbst kommen Drohungen der Finanzbranche. Ein Beispiel: "RBS droht mit Umzug, Aberdeen hält dagegen" meldet das MANAGER MAGAZIN. Und schreibt im Vorspann: "Ein unabhängiges Schottland könnte sein größtes Unternehmen verlieren. Die Royal Bank of Scotland droht offen mit Umzug nach London, falls die Bürger am kommenden Donnerstag für die Abspaltung von Großbritannien stimmen. In der Finanzbranche gibt es aber auch andere Stimmen." Mehr hier. Na und? Im übrigen ist die RBS faktisch britisches Staatseigentum. Ein Streit um die Verteilung von Eigentum und Haftung, völlig unabhängig vom Sitz der Bank, ist bei der Abspaltung Schottlands vorprogrammiert. Aus den Reihen der weltgrößten Investoren gibt es ebenfalls ein Statement: "George Soros Warns 'This Is The Worst Possible Time' For Scottish Independence" zitiert ZERO HEDGE einen der Großmeister der Spekulation. Soros verwurstelt nahezu alles, was gerade an Krisen greifbar ist, soweit es dem Zweck dient Unruhe zu stiften. Und holt sogar Putin und IS ins Boot: "This is the worst possible time for Britain to consider leaving the EU – or for Scotland to break with Britain. The EU is an unfinished project of European states that have sacrificed part of their sovereignty to form an ever-closer union based on shared values and ideals. Those shared values are under attack on multiple fronts. Russia’s undeclared war against Ukraine is perhaps the most immediate example but it is by no means the only one. Resurgent nationalism and illiberal democracy are on the rise within Europe, at its borders and around the globe. Since world war two the European powers, along with the US, have been the main supporters of the prevailing international order. Yet, in recent years, overwhelmed by the euro crisis, Europe has turned inward, diminishing its ability to play a forceful role in international affairs. To make matters worse, the US has done the same, if for different reasons. Their preoccupation with domestic matters has created a vacuum that ambitious regional powers have sought to fill. The resulting breakdown of international governance has given rise to a plethora of unresolved crises around the globe. The breakdown is most acute in the Middle East. The sudden emergence of the Islamic State in Iraq and the Levant, or Isis, provides the most gruesome example of how far it can go and how much human suffering it can cause. With the Russian invasion of Ukraine, military conflict has spread to Europe. Two radically different forms of government are competing for ascendancy. The EU stands for principles of liberal democracy, international governance and the rule of law. In Russia, President Vladimir Putin maintains the outward appearance of democracy by exploiting a narrative of ethnic and religious nationalism to generate popular support for his corrupt, authoritarian regime. As a major power and global financial centre, Britain ought to be centrally involved in crafting a European response to this threat. But like the US and the EU itself, Britain has also been distracted by internal matters. Conservative Prime Minister David Cameron has been persuaded by anti-European zeal – not least within his own party – to put UK membership in the EU to a vote in 2017. A poll on Scottish independence is only days away. Just when Britain should be confronting grave threats to its way of life, it is preoccupied with divorce of one type or another. Divorce is always messy. A vote for Scottish independence would weaken – in political and economic terms – both a truncated UK and Scotland. An independent Scotland would be financially unstable, especially if threats to renege on debt repayments were carried through." Mehr hier. Fürchtet da einer Verluste? Wohl kaum. Soros verdient immer - er isst auf jeder Seite des Tisches mit. Sein Fazit: "But to vote for independence from the UK now would be to prematurely surrender Scottish leverage in London, and Britain’s leverage in the world." 

Keine wirkliche Überraschung ist für uns diese Meldung der DEUTSCHE WIRTSCHAFTS-NACHRICHTEN: "IWF warnt: Schottische Unabhängigkeit ist Gefahr für das Finanz-System". DWN schreibt einleitend: "Nun stimmt auch der IWF in den Chor der Apokalyptiker ein, die sich vor der schottischen Unabhängigkeit fürchten: Der IWF erwartet sogar Turbulenzen für das globale Finanzsystem. Erstaunlich: Wenn ein kleines Volk von seinem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machen will stürzt gleicht die Welt zusammen?" Mehr hier

Es gibt Gegenstimmen. ZERO HEDGE titelt erst vor zwei Tagen dazu "Why Scotland Has All The Leverage, In One Chart":


Mehr hier. Gute Wünsche gibt es auch dazu: "Good luck, Scotland. The fate of a century of globalization and wealth-transfer efforts suddenly lies on your shoulders." 

Der Schweizer TAGES-ANZEIGER legt sich bereits vor wenigen Tagen sehr einseitig fest. Er analysiert das Referendum als "Ein ökonomisches Eigengoal". Die Einleitung zum Beitrag ist unmissverständlich: "Seine Unabhängigkeit müsste sich Schottland wohl mit schweren Wirtschaftsturbulenzen erkaufen." Mehr hier. Heute, wenige Stunden vor dem Referendum, beschäft auch den SPIEGEL in dem Beitrag "Davon wollen die Schotten leben" dieses Thema: "Noch einen Tag, dann stimmen die Schotten über ihre Abspaltung von Großbritannien ab. Können sie sich den Alleingang überhaupt leisten? Ein Überblick über die schottische Wirtschaft." Mehr hier. Nachdem sich der Autor mit der Öl- und Finanzbranche, der Lebensmittelindustrie, dem Tourismus, Schottlands Rolle bei den erneuerbaren Energien und seinen internationalen Beziehungen beschäftigt hat, kommt er zu einem positiven Schluss: "Leicht wird es (...) nicht für die schottische Regierung. Doch Regierungschef Alex Salmond hat recht: Die meisten Länder hatten eine deutlich schlechtere Ausgangslage, als sie unabhängig wurden." Das sehen natürlich nicht alle Schotten so zuversichtlich. Die SUEDDEUTSCHE beschreibt in dem gestrigen Beitrag "Kuwait, nur mit mehr Regen" deren Bedenken: "Die großen Ölvorräte sollen den Reichtum eines unabhängigen Schottland sichern, wie in einem Golf-Scheichtum. Aber reicht das? Manche Unternehmer fürchten um ihre Zukunft, und selbst Familien sind zerrissen. Unterwegs in einem gespaltenen Land." Mehr hier. Nach heutigen Maßstäben ist Schottland ein reiches Land. Daran muss sich auch so schnell nichts ändern. Jedenfalls nicht, so lange die Finanzindustrie keinen Besitz davon ergreift. Dann ist schlagartig Schluss. Das ist die größte Gefahr, die das unabhängige Schottland bedroht. Großbritannien hat dieses Schicksal bereits ereilt. Insofern können die Abtrünnigen nur gewinnen.  

An dieser Stelle noch einmal einen Blick auf die deutsche Debatte rund um das schottische Referendum. Sehr viel gemäßigter zeigt sich die SUEDDEUTSCHE ZEITUNG. Sie veröffentlicht einen Beitrag von Mark Dawson, schottischer Professor an der Hertie School of Governance in Berlin, der unter der Überschrift "Nichts wie weg von England" am 06.09.2014 um Verständnis für die Schotten wirbt: "Überraschend viele Schotten wollen, dass ihr Land vom Vereinigten britischen Königreich unabhängig wird. Sie haben gute Gründe dafür - jenseits nationalistischer Phantastereien." Mehr hier. Seine Erklärungen enden mit einem bemerkenswerten Fazit: "Wenn die Schotten also Ja zur Unabhängigkeit sagen sollten, täten sie das aus positiven Gründen: weil die Befürworter eine optimistische und fortschrittliche Vision anbieten, der sich normale Schotten politisch und kulturell anschließen können. Die Geburt von Europas neuester Nation könnte am Ende doch ein Ereignis sein, das es zu feiern lohnt." 

Der Beitrag der ZEIT vom 27.07.2014, "Tschüs, Majestät!", ist da schon weniger hilfreich. Der Autor schwankt offensichtlich zwischen leiser Kritik und zurückhaltendem Verständnis für beide Seiten. Der Vorspann: "In wenigen Wochen wollen die Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Sind sie wahnsinnig?" Mehr hier. Die Frage, reine Rethorik, bleibt bis zum Schluss unbeantwortet. Schade. 

Es ist noch nicht lange her, da war sogar die WELT ganz angetan von der Idee und titelte vor ziemlich genau zwei Jahren verheißungsvoll "Der großartige Separatismus der Schotten". Im Vorspann heißt es: "Das schottische Unabhängigkeitsstreben ist anders als der Separatismus, der in Südtirol oder Katalonien schwelt. Die Schotten sind weder fremdenfeindlich, noch haben sie etwas gegen Europa." Mehr hier. Der Autor hält bis zum Schluss durch und kommt zu einem äußerst positiven Fazit: "Das Schöne am schottischen Unabhängigkeitsbegehren: Es geht nicht (allenfalls am Rande) um Kilt, Dudelsack, Gälisch und Schlachten von anno dunnemals. Es geht nicht um Vergangenheit, sondern um Gegenwart und Zukunft. Die schottischen Nationalisten, wie sie genannt werden, sind gar keine Nationalisten. Anders als die Mehrheit der Engländer freuen sie sich, in der EU zu sein, und hätten als Währung gerne den Euro gehabt. Einer der führenden Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung ist der Dichter Kevin Williamson, der keine nationalen Epen schnitzt, sondern Herausgeber einer literarischen Avantgarde-Zeitschrift war und lange in der Kampagne für die Legalisierung von Cannabis tätig war. Was er sagt, gilt für die Mehrheit derer, die ein unabhängiges Schottland als ein Land unter anderen in der EU wollen: Es geht nicht um nationale Identität, sondern um Teilhabe, um Selbstbestimmung – was an Ort und Stelle getan werden kann, darum muss sich nicht London, darum muss sich nicht Brüssel kümmern. Das ist eine Haltung, wie sie die Europäische Union braucht, die ihr aber fehlt. Subsidiarität ist in der EU eine Rest- und Schrumpfgröße, mächtig nur in den Worten zum Sonntag. Weil es leider so ist – brauchen wir die Schotten."  Ein klares Plädoyer für die Abspaltung. 

Die war damals weit und breit nicht in Sicht. London war sich sicher, das Referendum nimmt ein klares, absehbares Ende: "No" zu einem eigenständigen Schottland. Brüssel, Berlin und anderswo war man gerne bereit dieser Einschätzung zu folgen. Anfang 2014 dann erste Zweifel, in deren Folge sich Brüssel eindeutig auf die Seite Londons gestellt hat. Eine Entscheidung aus politischem Kalkül, ganz sicher nicht zur Stärkung der Demokratie in Europa. Die britische Regierung erhält tatkräftige Unterstützung. Beispiel: "Barroso droht Schottland mit EU-Ausschluss" (DEUTSCHE WIRTSCHAFTS-NACHRICHTEN, 17.02.2014), hier. Als es für David Cameron immer enger wird, meldet sich sogar der große Bruder Amerika zu Wort: "Obama: Unabhängigkeit Schottlands widerspricht US-Interessen" meldet am 07.06.2014 DWN. Deutlich formuliert in der Einleitung: "US-Präsident Obama will nicht, dass Schottland seine Unabhängigkeit erklärt. Er fordert außerdem, dass die Briten in der EU bleiben. Nur so könnten die amerikanischen Interessen in Europa wirkungsvoll vertreten werden." Mehr hier. Dazu unser Kommentar aus dem Standpunkt 943: "Ein Beitrag zur europäischen Souveränität. Außerdem der eindeutige Beweis für unsere schon seit Jahren geäußerte Auffassung, bei Großbritannien handelt es sich um den wichtigsten Brückenkopf US-amerikanischer Interessen in Europa. Da ist es nur selbstverständlich, dass sich Barack Obama zur Separation Schottlands und einem möglichen EU-Austritt der Briten zu Wort meldet: 'Barack Obama suggests Scotland should stay in UK' (THE GUARDIAN, 05.06.2014, hier). Wir hoffen darauf, dass die Schotten bei ihrem Referendum im September die richtige Antwort geben." Dem haben wir auch heute nichts hinzuzufügen. 


Quelle: zerohedge.com


Anfang September dann die Hiobsbotschaft aus dem Norden. Die TAZ titelt erschrocken "Schottland schockt Europa". Eric Bonse schreibt: "Der Kurs des Pfunds sinkt, weil laut einer Umfrage die Abspaltung des Landesteils vom Königreich möglich ist. Es geht um Macht, Schulden, die EU und den Euro". Mehr hier. Was war passiert? Die DEUTSCHE WIRTSCHAFTS-NACHRICHTEN melden die "frohe" Botschaft: "Umfrage: Erstmals Mehrheit der Schotten für die Abspaltung von Großbritannien". Und beschreibt eine erste Reaktion: "In Schottland bahnt sich eine Überraschung an: Erstmals haben die Befürworter einer Abspaltung von Großbritannien eine Mehrheit bei einer Umfrage erreicht. Die schottischen Separatisten könnten im Erfolgsfall eine Lawine in der EU auslösen. London hat angekündigt, den Schotten weitgehende Souveränitätsrechte einräumen zu wollen - wenn die Schotten nicht austreten. Der Vorstoß könnte zu spät kommen." Mehr hier. Schlagartig steht London Kopf. Die WELT schlagzeilt "Londons panische Angebote an abtrünnige Schotten" Im Vorspann dazu heißt es: "In neun Tagen kann das über 300 Jahre alte Großbritannien zerbrechen, wenn die schottischen Wähler sich entscheiden, das Vereinigte Königreich zu verlassen. Die Unabhängigkeit birgt große Gefahren." Mehr hier. Erstaunlich: Der Beitrag enthält kritische Töne an die Adresse Londons. BBC NEWS betitelt einen lesenswerten Beitrag mit "Ten days to save the UK". Auszug: "One topic absolutely dominates Monday's newspapers - the run-up to Scotland's independence referendum, after a weekend poll put the "Yes" to independence campaign two percentage points ahead of their Better Together adversaries." Mehr hier.

Die britische Regierung verfällt angesichts der Entwicklung in Aktionismus. HEISE-TELEPOLIS meldet beispielsweise "Nach Yes-Umfrage: Osborne verspricht Schottland neue Kompetenzen". Mehr hier. Jetzt meldet sich auch der SPIEGEL zu Wort: "Camerons riskanter Schotten-Poker". Und versucht sich an einer Prophezeiung: "Nur noch zehn Tage bis zur Abstimmung, und die Mehrheit in Schottland will laut einer Umfrage die Unabhängigkeit. Doch David Cameron hält sich im Wahlkampf zurück - aus Angst, die Schotten zu verprellen. Die Strategie könnte ihn sein Land kosten." Mehr hier. Innerhalb von Stunden ändert David Cameron seine Zurückhaltung. Die WELT meldet bereits 48 Stunden später "Schottland, vernimm mein Flehen!" und erklärt: "Die Tories sind in Schottland phänomenal unbeliebt, das weiß David Cameron sehr gut. Dennoch traut sich der Premier vor dem Unabhängigkeitsreferendum in die Höhle des Löwen - und fährt alles auf, was für den Verbleib in Britannien sprechen könnte." Mehr hier. Cameron zieht alle Register. Vor handverlesenem Publikum erklärt er: "Ich liebe mein Land mehr als meine Partei" und "es würde ihm 'das Herz brechen, wenn die Nationenfamilie auseinandergerissen' würde" schreibt die WELT. Die DEUTSCHE WIRTSCHAFTDS-NACHRICHTEN empfinden "Panik in London: Parteichefs sagen Termine ab und rasen nach Schottland" und fassen die Situation so zusammen: "Die Führer der großen englischen Parteien haben am Montag überraschend alle Termin abgesagt und sind nach Schottland geflogen: Am Wochenende waren Umfragen bekannt geworden, dass die Stimmung in Schottland kippt. Die reale Möglichkeit der Abspaltung hat die englischen Politiker aufgescheucht. Nachdem sie sich monatelang über das Referendum lustig gemacht hatten, stehen ihnen nun offenkundig der Angstschweiß auf der Stirn." Mehr hier. Die ZEIT verfällt wieder in die üblichen Denkmuster und sie sieht in dem Beitrag "Empire in Aufruhr" die schottischen Nationalisten am Werk. Ihr Autor berichtet aus dem englischen Carlisle, direkt an der Grenze zu Schottland gelegen, quasi aus der ersten Reihe: "Hastig versucht Cameron zu retten, was die Menschen an der englisch-schottischen Grenze schon verloren geben: die Union. In Schottland haben die Nationalisten Oberhand." Mehr hier. Sehr einseitiger Beitrag. Die eiligen Aktivitäten der britischen Regierung nimmt sich auch der US-Ökonom William Black zur Brust. Das Ergebnis seiner Analyse hat er in dem Beitrag "Brown and Major Urge Scots to Vote 'No' Based on Nostalgia for the Army and World War I" bei New Economic Perspectives hier zusammengefaßt. Aber Achtung, diese Lektüre ist nur was für Hartgesottene, die jeden Winkel dieses Streits beleuchten möchten.  

Die Zugeständnisse der britischen Regierung sorgen bereits andernorts für heftigen Unmut: "Nach Finanzversprechen für Schottland: Waliser fühlen sich übervorteilt" meldet brandaktuell HEISE-TELEPOLIS. Auszug: "Gestern veröffentlichten David Cameron, Ed Miliband und Nick Clegg, die Vorsitzenden der Tories, der Labour Party und der Liberaldemokraten, eine Erklärung, in der sie versprechen, der schottischen Regionalregierung im Falle eines 'No'-Votums nicht nur 'umfangreiche neue Zuständigkeiten' zuzuweisen, sondern auch die Zukunft des staatlichen Gesundheitssystems NHS in ihre Hände zu legen, damit diese selbst über eine eventuelle Privatisierung entscheiden kann. Außerdem sichern sie zu, nichts an der seit 1979 geltenden Barnett-Formel zu ändern, die Schottland bei der Verteilung von Steuergeld im Vergleich zu anderen Regionen begünstigt. (...) Leanne Wood, die Vorsitzende der walisischen Regionalpartei Plaid Cymru, kritisierte das Angebot der drei Anführer der etablierten Parteien, weil es durch das Festschreiben der Barnett-Formel auch eine finanzielle Benachteiligung der Waliser festschreibt. Dass auch der Labour-Vorsitzende Ed Milliband die Verpflichtungserklärung unterschrieb, zeigt ihrer Ansicht nach, dass das Wahlversprechen des walisischen Labour-Regionalregierungschefs Carwyn Jones, diese Formel zugunsten der Waliser zu ändern, nichts wert war. Bislang sind Unabhängigkeitsbestrebungen in Wales deutlich weniger ausgeprägt als in Schottland. Dies dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass es vor der walisischen Küste nicht die Öl- und Gasvorkommen gibt, die die Schotten für sich beanspruchen." Mehr hier

Unter Druck sehen sich durch diese Umfrage auch die Investoren und Spekulanten. ZERO HEDGE meldet prompt "British Pound Collapses To 10-Month Lows" (hier). Die F.A.Z. titelt zufrieden: "Investoren ziehen Geld aus Schottland ab". Und bemerkt: "Das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands schürt die Angst der Investoren. In Verträge werden Ausstiegsklauseln eingefügt und Geldanlagen außer Landes gebracht." Mehr hier. ZERO HEDGE schlagzeilt zur gleichen Zeit "UK Suffers Biggest Capital Outflow Since Lehman As Scottish Vote Nears". Weiter heißt es dort: "Investors pulled $27 billion out of UK financial assets last month - the biggest capital outflow since the Lehman crisis in 2008 - as concern mounted about the economic and financial consequences if Scotland left the UK, according to Reuters. Furthermore, Morgan Stanley said daily equity flow data pointed to "some of the largest UK equity selling on record." Mehr hier.

In Deutschland fürchtet Nicolai von Ondarza in einem Gastbeitrag für das HANDELSBLATT "Die Folgen einer schottischen Unabhängigkeit". Er schreibt in seiner Einleitung: "Schottland steht vor einer historischen Entscheidung. Sollte sich das Land vom Vereinigten Königreich abspalten, hätte das auch für die EU bald schwerwiegende Konsequenzen." Mehr hier. Die SUEDDEUTSCHE bleibt ihrer Linie treu und weiter gelassen. Sie liefert in dem Beitrag "Es geht um mehr als Unabhängigkeit" noch einmal viel Wissenswertes rund um das Referendum: "Schock in Großbritannien: Umfragen deuten erstmals an, dass die Schotten in zehn Tagen für ihre Abspaltung stimmen könnten. Wird ein unabhängiges Schottland sofort EU-Mitglied, was geschieht mit dem Öl, den britischen Atomwaffen und womit wird künftig bezahlt?" Mehr hier

In der Schweiz wirft DIE WOCHENZEITUNG in dem Beitrag "Klinken putzen für die grosse Chance" einen ausführlichen Blick auf die Befindlichkeit der Schotten: "Wenn am kommenden Donnerstag die in Schottland lebende Bevölkerung über die Unabhängigkeit entscheidet, ist eine Überraschung nicht ausgeschlossen. Viele SchottInnen haben genug von der marktradikalen Politik der Westminster-Parteien." Mehr hier. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG will mit dem Beitrag "Die dreihundertjährige Geschichte der Union - Grossbritanniens Zweckgemeinschaft" nachweisen: "Der Wunsch nach Unabhängigkeit folgt nicht aus der schottischen Geschichte." Mehr hier. Immerhin als historische Rückblende zu gebrauchen. 

ZERO HEDGE in den USA geht die Sache dann noch sehr pragmatisch an und kümmert sich um die Frage "Is Scotland Big Enough To Go it Alone?". Und bleibt - erfreulicherweise - die Antwort nicht schuldig: "The answer, perhaps surprisingly, is resoundingly 'Yes!'." Mehr hier. Na also, geht doch. 

Michael Snyder vom US-Blog ECONOMIC COLLAPSE macht aus seiner Stimmung kein Geheimnis. In dem Beitrag "Vote YES On Scottish Independence – Scotland Finally Has A Chance To Get Free From The British" wünscht er den Schotten auf dem Weg in die Selbständigkeit nur das Beste: "Personally, I am rooting for the Scottish people on this one. I truly hope that they are finally able to win their freedom. The people of Scotland have been pushed around by the British for centuries. Now they finally have a chance to stand up to the tyranny of London. They finally have a chance to get free. Let us hope that they take it." Vorher erklärt Snyder hier auch noch seine Sicht auf die Dinge. Straight. Lesenswert. 

"Run, Scotland, Run" betitelt der englische Journalist Julian McLeod seinen erst vor wenigen Tagen bei der WOLF STREET in den USA erschienenen Beitrag zum schottischen Referendum. McLeod schreibt in seiner Einleitung: "By birth and upbringing I am English, but I enjoy the fact that through my Scottish and Welsh ancestry I am also British. So I like the fact that the Scots are rivals in sports such as rugby and football, that our histories and cultures are rich, intertwined and yet different, but they are still one of us in terms of a shared and complex nationhood. But if I were Scottish and had the opportunity to escape the politics of Westminster, I would vote for independence in a heartbeat. The fact that some Scots are being offered an escape route from oppression but are reluctant to take it is akin to a battered wife refusing to leave her rotten husband." Mehr hier. Lesen! 

Britanniens Fahne hält der Beitrag "England the Brave" des englischen Journalisten George Monbiot in seiner Kolumne für die britische Tageszeitung THE GUARDIAN hoch: "The rest of the UK doesn’t need to be rescued by Scottish votes: independence could inspire transformation everywhere". Mehr hier. Sein Fazit: "It would understand that hope is the most dangerous of all political reagents. That it can transform what appears to be a fixed polity, a fixed outcome, into something entirely different. That it can summon up passion and purpose we never knew we possessed. If Scotland becomes independent, England – if only the potential were recognised – could also be transformed."

Zwischenzeitlich sind neue Umfrageergebnisse bekannt geworden, die auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen schließen lassen. Vor diesem Hintergrund ändert David Cameron in den letzten Stunden noch einmal seinen Ton gegenüber den Abtrünnigen. ZERO HEDGE titelt "UK's Cameron Warns Scots 'No Way Back' As Independence Vote Remains Too Close To Call". Die Einleitung: "With polls and surveys showing a slight bias to a 'No' vote for Scottish Independence - but realistically too close to call - it appears UK Prime Minister Cameron has once again flip-flopped his strategy to deal with the northern menace. Initially it was one of scaremongery, warning of Scottish safety in light of global terrorism; then Cameron softened his stance proclaiming how 'heartbroken' he will be if 'our family was ripped apart.' Now, just a day later, according to The Sunday Times, Cameron will unveil his latest push tomorrow that "there will be no way back" if they vote for independence, warning that a split from the U.K. will see the two countries go their separate ways forever, with the vote result a 'once-and-for-all decision.' Media bias is increasingly evident as the establishment unleashes its last minute full court press promising Scots 'can have the best of both worlds.' if they back the union..." Mehr hier. Der SPIEGEL meldet "Cameron in Schottland: 'Wenn Sie das Vereinigte Königreich verlassen, ist das endgültig'" (hier). Die ZEIT interpretiert "Cameron bettelt und droht den Schotten". Im Vorspann heißt es dazu: "'Bitte, bitte, bleibt bei uns!' – David Cameron hat noch mal alle Register gezogen und in Schottland für einen Verbleib in der britischen Union geworben." Mehr hier. Der Beitrag zeigt aber auch: Cameron ist sich für keinen Stuss zu schade. "Vor dem Referendum über die schottische Unabhängigkeit sagte Cameron in einer Rede in Aberdeen, Großbritannien sei 'das großartigste Beispiel für eine Demokratie, das die Welt kennt'." So die ZEIT weiter. 

Die Abtrünnigen ficht diese Vorstösse nicht mehr an. Dazu möchten wir noch auf zwei sehr aussagekräftige Interviews hinweisen. Das eine hat vor zwei Tagen N-TV veröffentlicht: "Schottische Politikerin im Interview: 'Unser politisches System ist grotesk'". In der Einleitung dazu heißt es: "Alison Johnstone ist eine von nur zwei Grünen-Abgeordneten im schottischen Parlament. Trotzdem glaubt sie, dass dieses Parlament die ganze Macht über Schottland haben sollte. Denn was aus London kommt, findet sie einfach nicht mehr zeitgemäß." Mehr hier. Das andere führte der SPIEGEL mit dem schottischen  Patrioten Irvine Welsh: "Großbritannien ist erledigt". Liest man den Vorspann wird klar, Welsh hat radikale Ansichten: "'Trainspotting'-Erfinder Irvine Welsh liebt Kraftausdrücke. Zurzeit hebt sich der schottische Autor viele davon für englische Politiker auf. Die Polit-Elite in London hält er für korrupt, die Unabhängigkeit Schottlands für zwingend." Mehr hier

Selbst die Queen hat nicht länger zum Schotten-Referendum geschwiegen: "Ich hoffe, die Leute werden sehr sorgfältig über die Zukunft nachdenken" zitiert sie der SPIEGEL hier

Die vielen Beiträge mit einem Bonmot beschließen. Ausgegraben hat es Martin Armstrong, ein US-amerikanischen Wirtschafts-Querdenker. Die Überschrift lautet "Scottish Independence v India Independence – Same Debate". Lesen Sie selbst: "Whenever there is a movement for independence, the classic argument has been that they would fall flat on their face. Yet, in this case, many British believe that Scotland has a lot of socialists who live off the state and therefore Scotland costs Britain money. Support for Scottish Independence may even be higher inside Britain than in Scotland. A reader sent this in regarding Scotland relating the situation to when India sought Independence: 

Kinnoch: With respect, Mr. Gandhi, without British administration, this country would be reduced to chaos.

Gandhi: Mr. Kinnoch, I beg you to accept that there is no people on Earth who would not prefer their own bad government to the good government of an alien power. 


Brigadier: My dear sir! India *is* British. We’re hardly an alien power! [silence]


You just can’t make this stuff up. 


There is nothing less attractive than a liberal in service to power."
 


Source: here. Hinweis: Ursprünglich stammt der Dialog aus dem Film "Ghandi" von 1982 (hier). 


Unser Fazit: 
Am Vorabend der Abstimmung in Schottland ist der Ausgang absolut ungewiss. Leider. Wir würden uns ein klares "Yes" zur Abspaltung wünschen. Die Argumente der Gegner dieses Referendums haben uns nicht überzeugt: Sie erzeugen viel Rauch, wenig Feuer. "Die Geburt von Europas neuester Nation könnte am Ende doch ein Ereignis sein, das es zu feiern lohnt", erklärt der Schotte Mark Dawson in seinem zitierten Beitrag für die SUEDDEUTSCHE ZEITUNG (hier). Was die Turbulenzen aus der andauernden Finanzkrise offensichtlich nicht schaffen, erreichen dann die schottischen Abtrünnigen: Die politischen Führer Europas, insbesondere die der EU, müssen aus ihrem selbstgewählten komatösen Zustand erwachen und sich endlich bewegen. Die Schotten könnten mit ihrer Entscheidung die Politiker dazu zwingen, endlich Europa weiter zu gestalten, nicht nur mehr schlecht als recht zu verwalten. Brüssel, Berlin und die anderen "Zentren der Macht" können sich dann nicht länger aus jeder Verantwortung stehlen, oder mit propagandistischen Feuerwerken die Menschen in Europa bei Laune halten. 

Es wäre aber nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Danach beginnen langwierige Verhandlungen zwischen Restbritannien, Schottland und der EU. Die dauern erwartungsgemäß viele Jahre. Ein steiniger Weg.

Alte Zöpfe müssen abgeschnitten werden, neue Allianzen entstehen, die Ziele der Gründungsväter eines geeinigten Europas gewinnen wieder an Bedeutung. Nach Innen und Außen wird sich Europa verändern. Europa wird gestärkt. Das wäre ein Grund zu feiern.

Als Gewinner sehen wir, neben den Schotten, auch die mehr als 500 Millionen Europäer in der EU, möglicherweise sogar die Menschen in ganz Europa. Vielen wird sich diese positive Entwicklung erst nach Jahren erschließen. Egal, Hauptsache die Dinge passieren. 

Wir sehen auch keine negativen Auswirkungen durch andere Separationsbestrebungen in Europa. Die Katalanen und Basken wird es bestärken und das ist gut so. Spanien verhält sich gegenüber diesen Bestrebungen - mit ausdrücklicher Duldung durch die EU - zutiefst undemokratisch. Jüngstes Beispiel: "Spanien spitzt auch den Konflikt mit Basken weiter zu", heute bei HEISE-TELEPOLIS erschienen. Untertitel: "Während Madrid den Katalanen droht, sicherte der Regierungschef den Basken nicht einmal die Übertragung der Autonomierechte zu, die seit Jahrzehnten ausstehen". Mehr hier. Brüssel muss sich damit schon in naher Zukunft auseinandersetzen. Das geschieht aber nur, wenn die Schotten zu Abtrünnigen werden. Wir drücken morgen ganz fest die Daumen...       

Quelle: voxeurop.eu