Sonntag, 4. September 2016

Standpunkt 1022: Aus unserer Bücherecke





Wir betreten heute Neuland. Es ist ein Experiment. Erstmals öffnen wir für interessierte LeserInnen unsere Bücherecke. Angeregt von Marc Friedrich haben wir uns in diesem Sommer ausgiebig mit den "SPIEGEL Bestsellern" von ihm und seinem Mit-Autor Matthias Weik (hier), "Der grösste Raubzug der Geschichte" aus 2012 (hier), "Der Crash ist die Lösung" aus 2015 (hier) und dem fast druckfrischen "Kapitalfehler" (hier), beschäftigt. 

An Aufmerksamkeit hat es diesen Büchern seit ihrem Erscheinen zu keiner Zeit gemangelt. Das Etikett "SPIEGEL Bestseller" suggeriert schließlich ein gerüttet Maß an Qualität. 

Das Wichtigste gleich vorneweg: Überzeugt hat uns keines der drei Bücher. Insofern fehlt uns ein ganzes Stück weit das Verständnis für die zum Teil enthusiastischen Belobigungen für Bücher und Autoren. Immerhin: Langweilig wird es beim Lesen nicht. Jedenfalls bei den beiden jüngsten Werken. Dem Erstling können wir selbst das nicht bescheinigen. 

Was uns mächtig stört: Die vollmundig angekündigte Krisenvorsorge haben wir vergebens gesucht. In keinem der Bücher gibt es brauchbare Vorschläge. Gefunden haben wir nur Beschreibungen dessen was nicht für eine Krisenvorsorge geeignet ist. Die folgende Übersicht stammt aus "Der grösste Raubzug der Geschichte" (S. 302):


An dieser Einschätzung der Autoren hat sich bis heute nichts geändert. Bei dem prophezeiten Crash taugt das wenig.

Trotzdem - und das mag unsere LeserInnen an dieser Stelle überraschen - empfehlen wir "Kapitalfehler" und "Der Crash ist die Lösung" allen, die sich eine krisenorientierte Buchauswahl zulegen wollen. Die Autoren erklären nämlich leicht verständlich viele der Probleme, die für die Krise verantwortlich sind, oder wie ein gesundes Finanz- und Wirtschaftssystem funktioniert (S. 47 ff.). LeserInnen, denen es an Sachkenntnis mangelt, werden mit diesen beiden Büchern gut bedient. Vergleichbares ist uns bei den wenigen deutschsprachigen Büchern, die sich mit der Finanzkrise und ihren Folgen beschäftigen, bisher nicht untergekommen. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die Autoren es genau auf diese Leserschaft abgesehen haben. Nur so lässt sich erklären, dass in allen drei Büchern die wirklich explosiven Themen nur oberflächlich behandelt, aber nie vertieft werden.

Aber selbst kundigen LeserInnen bieten diese Bücher einen Mehrwert. Leider ist dieser Zugewinn nur sehr zeitaufwändig zu realisieren: Wer tief in die Krise und ihre Folgen einsteigen möchte, wer Diskussionsstoff und Gedankenfutter sucht, muss sich viele Stunden lang durch die umfangreichen Anmerkungen quälen. Eigentlich nicht Ziel und Zweck solch ambitionierter Bücher. 

Die folgende Bewertung der Bücher ist natürlich subjektiv. Wer unseren Blog bereits seit den Anfängen verfolgt, kennt unsere Philosophie: Wir untermauern unsere Ansichten wo immer es geht mit Fakten, wenigstens aber mit belastbaren Indizien. Unser Ziel ist es auch jetzt, den LeserInnen Denkanstöße zu geben, um sich - ganz im Sinne von Immanuel Kant ("Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!") - schlußendlich eine eigene, hoffentlich fundierte Meinung bilden zu können. 


"Kapitalfehler" (Mai 2016)
"Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen."

Zusammenfassung des Verlags: "Großkonzerne, Finanzhaie und hilflose Politiker haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass nachhaltiges Wirtschaften zugunsten der Menschen durch nutzlose Bereicherung verdrängt wurde. Wir alle müssen endlich erkennen: Finanzkapitalismus ist schlicht und einfach schlechter Kapitalismus. In ihrem neuen Buch erklären die Bestsellerautoren allgemein verständlich, wie ein vernünftiger Kapitalismus wirklich funktionieren kann - und warum die Finanzmärkte strikt reguliert werden müssen. Werden die Zocker nicht an die kurze Leine gelegt, dann wird sich unser Wohlstand sehr bald in Luft auflösen." 

Positiv: Auf den ersten Blick waren wir angenehm überrascht. Die Autoren setzen wenig Grundwissen voraus. Sie schreiben so, dass jeder halbwegs Interessierte versteht, worum es ihnen geht. Dafür gibt es von uns ein dickes Lob! 

Sehr schön auch die Erklärungen über die Funktionsweise eines gesunden Finanzsystems, der realen Wirtschaft und die Wechselwirkung zwischen beiden Bereichen. Natürlich sehr viel Theorie, aber anschaulich beschrieben. Das verstehen, mit ein bisschen gutem Willen, auch Laien. 

Ebenfalls ein dickes Lob gibt es für die umfangreichen Anmerkungen. Sehr ordentlich. Obwohl die Autoren ihre LeserInnen bei der Interpretation weitgehend alleine lassen. Schade. 

Kritik: Auffällig ist, dass Weik & Friedrich auch in diesem Buch ihrer bisherigen Linie treu bleiben: Sie packen von den Problemen so viel wie möglich rein, bleiben aber in der Beschreibung und Bewertung oberflächlich. Sie versuchen noch nicht einmal ansatzweise ihre Thesen zu den Problemen, ihren Ursachen und den möglichen Lösungen, mit alternativen Ideen abzugleichen. Das nimmt diesem Buch viel von seiner Orientierung. 

Die Autoren schweigen über die billionenschweren Risiken des Derivatehandels (Warren Buffett warnte bereits 2003(!) "Derivatives are financial weapons of mass destructions" ("Derivate sind Massenvernichtungswaffen", hier) und der Schattenbanken. Die folgende Grafik des US-Finanzportals ZERO HEDGE zeigt am Beispiel des heimischen Bankenprimus' Deutsche Bank die gigantischen Risiken eines ungeordneten Zusammenbruchs des weltweiten Finanzsystems: 



Weik & Friedrich halten sich nicht auf mit den andauernden kriminellen Machenschaften innerhalb des weltweiten Finanzsystems, dem korrupten politischen System, welches diese Machenschaften bis heute toleriert, sogar aus Eigennutz weiter befördert. Sie kritisieren nicht den mangelnden Einsatz der Justiz gegen die Verantwortlichen in den TBTF-Banken. Sie thematisieren nicht die Nutznießer dieser Entwicklung, den Plan der dahinter steht, die Finalisierung der Umverteilung. 

Es gibt keine Kritik an der Tatsache, dass "World’s Richest 80 People Own Same Amount as World’s Bottom 50%" (hier). Kein Wort darüber, dass es diese Hand voll Reiche und Mächtige mit ihren Helfershelfern sind, die den Kollaps geordnet herbeiführen und orchestriert zu Ende bringen. Denen reicht das noch nicht, die wollen sich alles unter den Nagel reißen. Nur die sind es auch, die an der Entwicklung seit der Lehman-Pleite 2008 profitieren. Sehr schön zu sehen am Beispiel USA:



Kein Wort in dem Buch über die Rolle des damaligen US-Finanzministers Hank Paulson, der, gemeinsam mit Lloyd Blankfein, seinem Nachfolger als CEO bei Goldman Sachs und nach eigenem Bekunden das Werkzeug Gottes ("I'm doing God's work", hier), die Pleite von Lehman Brothers konstruierte. Ohne Not, nur aus persönlicher Feindschaft gegen den damaligen Chef bei Lehman Brothers, Dick Fuld, ein Aufschneider wie die beiden anderen. Und alle hielten sich für allmächtig. Fuld war es nicht. Ansatzweise nachzulesen in dem Beitrag des FOCUS "Lehman Brothers hatte die besten Banker", vom 13.09.2013. Die Einleitung: "Uwe Eilers arbeitete viele Jahre als Händler bei Lehman Brothers in Frankfurt. Er hat die Bank als bodenständig und professionell erlebt. Aus seiner Sicht wurde mit der Pleite ein Exempel an dem Geldhaus statuiert." Mehr hier. Selbst wenn die Autoren der offiziellen Lesart der Lehman-Pleite folgen (nachzulesen beispielsweise in dem Beitrag "Was führte zur Lehman-Pleite?" bei HEISE/TELEPOLIS, hier) gehört eine kurze Betrachtung dieser persönlichen Rivalitäten und ihrer Folgen in dieses Buch. Pleite war Lehman Brothers damals offenbar nicht. Anfang März 2014 meldete der österreichische STANDARD: "Lehman-Gläubiger bekommen 100 Prozent". Im Vorspann heißt es: "Die Gläubiger der pleitegegangenen Bank bekommen ihr Geld vollständig zurück, für manche Hedgefonds wird die Insolvenz zum Millionengeschäft". Online steht der Beitrag leider nicht mehr zur Verfügung. Deshalb gibt es hier eine Kopie aus unserem Archiv. Mittendrin bei den Gewinnern: Goldman Sachs. 

Mehr als verwunderlich, weil nach unserer Überzeugung in weiten Teilen unzutreffend, finden wir den Vergleich der Autoren zwischen Island und Griechenland  ab Seite 31 ff., Überschrift "Intermezzo: Eurovision Crisis Contest". Wir haben schon früh Stellung bezogen. Island zu feiern, dafür gibt es keinen Grund. Wir zitieren aus unserem Standpunkt Ausgabe 471, vom 02.12.2012: 

"Die Insel im Nordatlantik, winzig klein und politisch oder wirtschaftlich ohne jede Bedeutung für die Welt, hat die Verantwortung dafür, daß Tausende Briten und Holländer ihre Ersparnisse verloren haben. 300.000 Isländer sahen die große Chance, mit drei Banken die Welt zu erobern (Quelle: "Einfallsinsel Island", hier). Nachdem Island vor vier Jahren pleite war, stellten auf die Schnelle der IWF und die skandinavischen Staaten Milliarden-Darlehen bereit. Im Gegenzug verpflichtete sich die isländische Regierung gegenüber Großbritannien und den Niederlanden dazu, von denen die Auszahlung dieser Hilfen blockiert wurde (hier), diesen Menschen den Schaden wenigstens teilweise zu ersetzen. Daraufhin gaben beide Staaten ihre Blockade auf  und die Milliarden wurden an Island ausgezahlt. Die Geschädigten in Großbritannien und Holland warten jedoch bis heute auf  ein Angebot aus Island. Dort wurde ganz einfach in zwei Volksabstimmungen entschieden, für diese Schulden nicht auf zukommen. Island hat sich, anders kann man diese Sache nicht bewerten, die Hilfen des IWF und Skandinaviens erschlichen. Eine Riesensauerei, für die das Land sich bis heute nicht verantworten muß. IWF und die skandinavischen Staaten drücken einfach beide Augen zu. Selbst dafür, d. h. für die Entscheidung in den beiden Volksabstimmungen, internationale Vereinbarungen nicht einzuhalten, wurde Island in den deutschen Leitmedien schon mehrheitlich gelobt. Natürlich halten sich die Isländer selbst für die größten (hier). Die Strafverfolgung der Verantwortlichen in Island diente aus unserer Sicht nur einem Zweck: Der isländischen Öffentlichkeit einige Bauernopfer zu bieten, an denen sie ihren Unmut abreagieren kann. Die Welt hat dieses Ereignis wohlwollend zur Kenntnis genommen. Tatsächlich hätten wahrscheinlich 90% der Bankmitarbeiter aller betroffenen isländischen Banken wegen ihrer Mittäterschaft mehr oder weniger hart bestraft werden müssen. Außerdem die Eigner, die, wie im Fall Kaupthing bestens dokumentiert, die Banken geplündert hatten (Quelle: "Eigner plünderten Kaupthing", hier. [Anm. d. Verf.: Dieser Beitrag stammt von der FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND und ist mittlerweile online nicht mehr abrufbar. Wir haben uns deshalb mit einer Kopie aus unserem Archiv beholfen]). Zur Erinnerung: Während der Hoch-Zeiten dieser Banken wurde im Verhältnis zur Zahl der Einwohner die höchste Zulassungsquote für Porsche-Neuwagen im Vergleich zum Rest der Welt gemessen. Schon wieder taugt Island nicht als Vorbild für die Welt. Es sei denn, man blendet die Fakten aus. Oder übersieht geflissentlich, daß die Krise in Island noch gar nicht vorbei ist (hier) [Anm. d. Verf.: Dieser Beitrag ist mittlerweile online nicht mehr abrufbar. Wir haben uns deshalb mit einer Kopie aus unserem Archiv beholfen]. Die folgende Grafik macht deutlich, was für ein unglaublich großes Rad die Isländer mit ihren Banken gedreht haben:


Die 10 größten Pleiten: USA und Island (Quelle: zerohedge.com)

Sich dafür nicht verantworten zu müssen, ist für die Isländer der größte Glücksfall der Geschichte." Nachzulesen hier. Wenige Wochen später werden wir noch deutlicher: "In unseren Augen sind die Isländer ein Volk von Freibeutern" schreiben wir in unserem Standpunkt Ausgabe 528, vom 28.01.2013. Außerdem stellen wir damals die nach wie vor sehr berechtigte Frage "Wie hätte es wohl um die hochgelobte Rettung der isländischen Bürger gestanden (Quelle: "Vorbild Island", hier), wenn es nicht nur um die Sparguthaben vieler kleinen Leute in Großbritannien und Holland gegangen wäre, sondern um die Verluste 'systemrelevanter' Banken, wie bei den Rettungsaktionen in Südeuropa und Irland?" Mehr hier. Weik & Friedrich vergleichen an dieser Stelle Äpfel mit Birnen. Absicht? Oder haben die Herren einfach nur nicht sauber recherchiert?

Ein ähnliches Gefühl beschleicht uns bei den Ausführungen zu Griechenland. Erstmals fühlen wir uns sehr stark an die Ansichten und Argumente von Hans-Werner Sinn erinnert, an denen wir uns seit den Anfängen dieses Blogs abarbeiten. Der hat, zusammen mit Gleichgesinnten, im Dezember 2011 seine "Bogenberger Erklärung" verfasst. Die F.A.Z. titelte damals, am Nikolaustag 2011: "16 Wege aus der Krise - Sorge um Deutschland und Europa". Der Vorspann: "Mit ihrer Bogenberger Erklärung zeigen sich Experten um den Präsidenten des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, tief besorgt über die Lage der Europäischen Währungsunion. In 16 Thesen weisen sie auch einen Weg aus der Krise." Mehr hier. Damals haben wir diese Erklärung in einer zehnteiligen Reihe ausgiebig zesiert und - anders als Sinn und Konsorten - unsere Gegenrede mit Fakten hinreichend belegt. Nachzulesen in einer 40-seitigen Zusammenfassung hier

Weik & Friedrich argumentieren "gegen" Griechenland auf der Linie von Sinn und dem heimischen Mainstream. Sie trauen sich nicht diesen fest zementierten, nie bewiesenen Behauptungen mit den wirklichen Fakten zu begegnen. Was wir meinen, reichen wir an dieser Stelle an Hand zweier früher Beiträge nach: "Europa vernichtet Griechenland", Standpunkt Ausgabe 177, vom 23.02.2012, hier; und "Wie scheinheilig ist das denn…?", Standpunkt Ausgabe 179, vom 27.02.2012, hier. Griechenland ist bereits seit 2010 kein souveräner Staat mehr, wird regiert von Berlin, Brüssel und Frankfurt; der IWF in Washington hat eine kleine Statistenrolle. Handlanger dieser Besetzer ist der griechische Volksverräter Alexis Tsipras, einem typischen Politiker - ohne jedes Rückgrat. Einzelheiten dazu in unserem Standpunkt Ausgabe 1013, "Griechenland-Krise", vom 11.07.2015, hier. 


Quelle: foreignpolicy.com


Aber, wie bereits beschrieben, das Buch hat auch wirklich starke Abschnitte. Hervorheben möchten wir in diesem Zusammenhang "Trampelpfad und Masterplan", ab Seite 155 ff. Nicht schlecht auch das Kapitel danach, "Nur für bare Münze", ab Seite 233 ff. Da haben wir nichts zu meckern. 

Anders der Bereich "Schuldknechtschaft für alle", ab Seite 261 ff. Auch an der Stelle "Warum kaufen Notenbanken Staatsanleihen und Aktien?", ab Seite 272 ff., ist für uns nicht nachvollziehbar, warum die Autoren die offizielle Erklärung kommunizieren und zur Grundlage ihrer Kritik machen. Dadurch wird die Kritik für leitmedienkritische Leserinnen schlicht wertlos. Was an dieser Stelle geschrieben steht, das findet sich auch so oder ähnlich in allen heimischen Führungsmedien. Wahr(er) wird es dadurch nicht. Was die Notenbanken betreiben, in Europa namentlich die EZB, ist die logische Fortsetzung dessen, was wir in unserem Standpunkt Ausgabe 193 - Milliarden-Probleme, vom 27.03.2012, unter der Überschrift "Seid umschlungen Milliarden!" (hier) beschrieben haben. Die Wirklichkeit lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Die Notenbanken haben seit dem Beginn der Finanzkrise nur ein Ziel: das völlig marode weltweite Finanzsystem so lange wie möglich am Laufen zu halten. Dieses System wird zwangsläufig früher oder später vor die Hunde gehen, da spielt es absolut keine Rolle, ob die Notenbanken ständig neue Finanzmarktblasen kreieren. Das ist vollkommen belanglos.  

Quelle: rollingstone.com


Ganz selbstverständlich helfen sie - bei vollem Bewusstsein und in Vollbesitz aller geistigen Fähigkeiten - mit ihren Maßnahmen bei der finalen Umverteilung von "Volkes Vermögen" in die Hände einiger weniger Reichen und Schönen. Dahinter steckt ein durchorchestrierter Plan, dessen Erfolg außer Frage steht. Die Politik, eine ebenfalls durchorganisierte Show, veranstaltet von (meistens) demokratisch gewählten Volksvertretern, deckt und fördert zu 100% diesen Plan. Klingt nach Verschwörungstheorie, wird sich aber in absehbarer Zeit als bittere Realität erweisen. Ein Ankerpunkt ist für uns die, sich seit 1988(!) - also von sehr langer Hand geplant - in Vorbereitung befindliche Weltwährung und ursprünglich für 2018 terminiert (hier). 

Natürlich greifen Weik & Friedrich auch das Thema Steueroasen auf. Benannt werden leider nur die üblichen Verdächtigen. Gerade wieder sehr beliebt und öffentlichkeitswirksam. Sie "sagen ganz klar: Ohne einheitliche Steuersätze für Unternehmen und Privatpersonen in ganz Europa ist das vereinte Europa lediglich eine ungerechte Illusion und wird niemals von den Bürgern anerkannt" (S. 285). Richtig. Nur gibt es kein vereintes Europa und die Autoren selbst halten von dieser Idee wenig bis nichts. Also eine im höchsten Maße "politische" Aussage: Starke Worte, aber inhaltsleer, weil nicht machbar

Weiter im Text. Bis zu Seite 305 ff. Da wird es spannend. Die Autoren versprechen "Kapitale Fehler - und Vorschläge zu ihrer Behebung". Für das was jetzt kommt nehmen sie sich selbstbewußt mit einem Voltaire-Zitat in die Pflicht: "Wie liebe ich die Kühnheit! Wie liebe ich die Leute, die aussprechen, was sie denken." Und tatsächlich, ab Seite 308 ff. wird es sehr ambitioniert. Auf wenigen Seiten schaffen es Weik & Friedrich die Welt zu verändern. Chapeau! Die Sache hat nur einen gewaltigen Haken: Es ist weit und breit niemand, der ihre "revolutionären" Ideen durchsetzt. Alles bleibt graue Theorie. Und das ist gut so: Viele der Ideen sind rückwärts gerichtet, schwächen Europa im Verhältnis zu den USA politisch und wirtschaftlich zusätzlich. Schaffen, was auf der US-amerikanischen Agenda ganz weit oben steht: Statt endlich eine politische und wirtschaftliche Emanzipation von den USA zu bewerkstelligen, rutscht die Wirtschaftsmacht Europa immer weiter ab und bleibt noch auf Jahr(zehnt)e hinaus im geopolitischen Gerangel ein "Grüß Gott August" von Washingtons Gnaden, ein bloßer Vasall Amerikas. Europa wäre politisch und wirtschaftlich zurück im 18. oder gar 17. Jahrhundert.

Weik & Friedrich sehen sich trotzdem als gute Europäer. Wir auch. Aber unterschiedlicher können die Auffassungen über die Zukunft Europas nicht sein. Wir wünschen uns eine Stärkung des europäischen Binnenmarktes als Alternative zu den menschenfeindlichen Globalisierungsbestrebungen, eine Stärkung des Euros, Korrekturen an den Verträgen von Maastricht und Lissabon, eine politische und wirtschaftliche Union, die Abkehr von den Kriegstreibereien der USA, Großbritanniens, Frankreichs, eine eigenständige Reform des Finanzsystems ohne internationale Rücksichten, usw., usw. Alles bisher auch nur graue Theorie, aber anders als die Pläne von Weik & Friedrich absolut wünschenswert. Eine Hand voll Reicher und Mächtiger wird das mit allen Mitteln zu verhindern wissen. Gut möglich, dass alle Bestrebungen zur Änderung der Verhältnisse als terroristischer Anschlag eingestuft werden, was demnächst den Einsatz des Militärs in den europäischen Staaten zur Folge haben wird. 

Die Autoren wissen das und können im Schutz dieser absehbaren Reaktionen trefflich über die Ideen von einem anderen Europa phantasieren. Beweise über einen praktischen Nutzen ihrer Vorschläge müssen sie zu keiner Zeit antreten. 

Die folgende ausdrucksstarke Karikatur von Victor Juhasz unterstreicht unsere Meinung darüber nachdrücklich:

Quelle: rollingstone.com

Fazit: Das Buch lässt uns zwiegespalten zurück. Interessierten Laien taugt es als Wirtschaftsbuch, aber keinesfalls als Ratgeber zur Krisenvorsorge. An dieser Stelle bleiben die Autoren weit hinter ihrem Anspruch zurück. 

Bei der Beschreibung der herrschenden Probleme wird zu viel nur angerissen, aber nicht hinreichend vertieft. 

Ihre Ideen haben wir so andernorts schon gelesen, in diesem Buch werden sie nur zusammengefasst auf den Punkt gebracht und griffig beschrieben. Zur Umsetzung wird kein Wort verloren. Die heim(l)ischen Meinungsführer unter den Ökonomen - Sinn, Fuest, Straubhaar, oder der alte Starbatty - können sich erfreut zurücklehnen, modernistische Jungspunde bringen ihre Theorien unters Volk. 

Quelle: toonpool.com


"Der Crash ist die Lösung" (November 2015)
"Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten."

Zusammenfassung des Verlags: "Der finale Kollaps wird kommen, weil die wahren Ursachen der Finanzkrise nicht beseitigt wurden. Die Finanzindustrie, die die Krise verursacht hat, ist sogar Krisengewinner, der wieder mit gigantischen Geldsummen jongliert und im Zweifelsfall von uns gerettet wird. Der Crash ist die Lösung, sagen die beiden Ökonomen Friedrich und Weik. Denn nur so wird der notwendige Wandel erzwungen und die globale Macht der Finanzwelt gebrochen. Damit Sie Ihr Erspartes schützen können, zeigen die beiden Experten auf, in welche Kapitalanlagen Sie investieren sollten – und in welche besser nicht." 

Positiv: Im Großen und Ganzen sehr informativ. Die Autoren geben einen brauchbaren Überblick über die Probleme, die in absehbarer Zeit zum Crash führen werden. Anschaulich und über weite Strecken verständlich geschrieben. Bestens geeignet für alle, die sich einen Überblick der Krisenbrennpunkte verschaffen wollen. Selbst Neulinge sind damit gut bedient. 

Kritik: Wir stören uns bereits am Buchtitel. "Der Crash ist die Lösung" ist eine sehr gewagte, irreführende Aussage. Die Autoren vermitteln den Eindruck, als kämen bei einem "kontrollierten Kollaps des Finanzsystems" die Staatsbürgen - Sparer und Steuerzahler - mit einem blauen Auge davon. Während irgendjemand - die Autoren bleiben auch an dieser Stelle ungenau - ein neues und natürlich besseres Finanzsystem erfindet. Ideen, was zu ändern wäre, haben Weik & Friedrich genug, nur sind sie wenig konkret bei der praktischen Umsetzung. Ein kollektives Wir-Gefühl ist zu wenig, um die Welt auf den Kopf zu stellen. Was sich die Autoren wünschen erfordert eine Revolution - nicht nur in Europa. Die kann niemand - auch nicht die Autoren - ernsthaft erwarten. 

Möglicherweise einer der Gründe, warum dem Buch eine tiefgründige Betrachtung der Krisenursachen und ihrer Folgen fehlt. Weik & Friedrich bleiben immer irgendwo auf freier Strecke stehen, für uns kommen sie nie so richtig ans Ziel. Besonders auffällig in den Abschnitten "Enteignung, Zwangsabgaben und Inflation" (Seite 183 ff.), "Wie schütze ich mein Vermögen?" (Seite 209 ff.) und "Der Crash ist die Lösung" (Seite 279 ff.). Dort gibt es nach unserer Auffassung gravierende Mängel. So fehlen beispielsweise Aussagen über die Tragweite einer Enteignung und die Höhe möglicher Zwangsabgaben. Die zitierte Studie der Boston Consulting Group zu einer Vermögensabgabe basiert nämlich auf völlig veralterten Zahlen aus der Zeit vor der Finanzkrise 2008. Nützliche Vorschläge zur Vermögensrettung haben wir nicht gefunden. "Bargeld unter die Matratze!" zählen wir nicht dazu. Ebensowenig Gold. Beides ist von einem Verbot bedroht. Der Rest ist exotisch, für Normalsterbliche nicht brauchbar.

Ärgerlich auch, wie die Autoren mit den Target2-Salden umgehen. Es ist schlicht falsch, wenn die Autoren auf Seite 118, im letzten Absatz, behaupten "Sie werden als Steuerzahler einspringen müssen, wenn die Buchhalter der EZB eines Tages mit den Schultern zucken, weil die Bundesbank ihre Forderungen auch mal gutgeschrieben bekommen möchte." Wir nehmen ihnen übel, dass sie an dieser Stelle übernommen haben was wir die Sinn'sche Leere nennen. Die Wahrheit ist eine andere: Die Steuerzahler müssen NICHT für die Verluste der Notenbanken aufkommen. Nachzulesen schon seit Oktober 2012 hier, bei den NACHDENKSEITEN

Wegen der behaupteten Nachteile seit der Einführung des Euro verweisen wir auf eine Studie der Bertelsmann Stiftung, veröffentlicht im April 2013. Dort heißt es "Deutschland profitiert vom Euro" (hier). An dieser Stelle ein Schaubild aus der Studie zum besseren Verständnis: 




In diesem Zusammenhang ebenfalls lesenswert ist der Beitrag "Der Euro als deutsches Projekt" (hier) und der Beitrag "Raus aus dem Euro, zurück ins Chaos" (hier), von Rudolf Hickel, zur entsprechenden Forderung von Weik & Friedrich. Ergänzend dazu eine Meldung der Bertelsmann Stiftung aus dem Juli 2014: "Dänemark und Deutschland größte Gewinner der europäischen Integration seit Schaffung des EU-Binnenmarkts" (hier). Dazu auch gleich eine Übersicht:




Es geht noch weiter, mit dem Nachdenkfutter: Ulrike Herrmann schreibt über "Die vier Krisen des Euro" (hier) und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) veröffentlich 2014 die Studie "Die 10 Mythen der Eurokrise ...und warum sie falsch sind" (hier). 

Fazit: Trotz unserer Kritik halten wir das Buch für lesenswert und empfehlen es als Teil einer krisenorientierten Buchauswahl. 


"Der größte Raubzug der Geschichte" (2012, Ausgabe 2014) 
"Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden."

Zusammenfassung des Verlages: "Vor unseren Augen findet der größte Raubzug der Geschichte statt, und wir alle sind seine Opfer. Die Reichen in unserer Gesellschaft werden immer reicher, während alle Anderen immer ärmer werden. Dieses spannende Buch zeigt auf, welche Kapitalanlagen jetzt noch sinnvoll sind, und von welchen nur die Finanzindustrie profitiert. Jeder ist betroffen: Wer jetzt nicht richtig handelt, steht vielleicht bald mit leeren Händen da. Doch jede Krise hat auch ihre Chance." 

Positiv: Nichts. 

Kritik: Reißerischer Titel, große Versprechungen im Vorwort, am Ende ist es nur eine knappe, chronologische Darstellung der Entwicklung seit 2008, mit einer viel zu sparsamen Würdigung der wahren Hintergründe. Die haben wir bereits an anderer Stelle in diesem Standpunkt beschrieben. Statt dessen vermitteln die Autoren den Eindruck, die Entwicklung sei vorrangig der Dummheit der Verantwortlichen geschuldet und nicht einem großen Plan zur Vermögensumschichtung folgend. 

"Legalen Betrug", von dem Weik & Friedrich im Zusammenhang mit den neuen Bilanzregeln auf Seite 87 schreiben, gibt es nicht. Selbst wenn es der Staat ist, der die Regeln geändert hat, bleibt es immer noch Betrug. Damit wird nur der Justiz die Grundlage entzogen, sich mit diesem Tatbestand strafrechtlich zu beschäftigen. 

Die Lehman-Pleite spielt als Auslöser der Krise kaum eine Rolle, die Autoren sehen den US-Versicherungskonzern AIG, damals der größte der Welt, in erster Linie als Verursacher. Wie wäre es mit Goldman Sachs? Spielt in diesem Buch überhaupt keine Rolle, obwohl sich der US-Journalist Matt Taibbi schon sehr früh damit beschäftigt hat. Wichtige Informationen und Links gibt es in seinem Beitrag "The People vs. Goldman Sachs" aus dem Jahr 2011 für die US-Ausgabe des ROLLING STONE (hier). Eine Pflichtlektüre, auch für die Autoren dieses Buches. Genauso auch der deutschsprachige Beitrag "Wie Goldman Sachs die Welt regiert", erschienen bereits im Dezember 2011, hier. Für die Augen haben wir auch was: "Goldman Sachs - Eine Bank lenkt die Welt" (hier).

Die wirklich Schuldigen sitzen für Weik & Friedrich überall, nur nicht in Deutschland. Die heimischen Zocker waren die Opfer der bösen "Anglo-Amerikaner" an der Wall Street und in der Londoner City. Was ist aber mit der rot-grünen Regierung, die unter Schröder/Fischer das Tor für die kriminellen Machenschaften der Banken hierzulande überhaupt erst sperrangelweit aufgestoßen haben (Die passenden Gesetze haben sich die Banken selbst schreiben dürfen!)? Was mit dem abgekarteten Spiel rund um die "Rettung" der Hypo Real Estate (HRE), an dessen Ende die italienische Großbank UniCredit durch einen üblen Trick im Zusammenspiel von Ackermann auf der einen und Steinbrück/Asmussen auf der anderen Seite aus der Haftung für die HRE entlassen wurde? Was den deutschen Steuerzahler bereits Milliarden Euro gekostet hat und noch weiter kosten wird. Unsere Lektüre-Vorschläge dazu: Protokoll, vom 09.10.2008, über die "Zusammenfassung der Gespräche zur Stützung der Hypo Real Estate (HRE) vom 26.09.2008 - 29.09.2008 im Frankfurter Dienstsitz der BaFin" (hier). "Der Hypo Real Estate Betrug" (hier). "Hypo Real Estate - Die Geretteten", ein Beitrag von Harald Schumann, September 2009. Im Vorspann schreibt er: "Für die Sanierung der Pleitebank HRE fließen zweistellige Milliardensummen aus Steuergeldern. Aber die Regierung hält die Namen der Kreditgeber geheim, die auf Staatskosten freigekauft wurden. Die Bürger müssen zahlen, aber für wen, das sollen sie nicht wissen. Wir dokumentieren die Liste der Geretteten – die bisher keinen Cent zur Rettung beitragen müssen." Mehr hier

Oder die Rolle der politischen Provinzfürsten und ihrer Handlanger von den Sparkassen bei den gigantischen Spielchen der deutschen Landesbanken. Die gemeinsam viele Milliarden Euro in der Subprime-Krise versenkt haben. Strafrechtlich völlig folgenlos. Einen kleinen Eindruck zu den Hintergründen vermittelt der Beitrag "Landesbanken - 'Das ist ein Wahnsystem'", erschienen am 06.04.2009 bei SPIEGEL ONLINE. Die Einleitung: "Der zurückgetretene schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Werner Marnette (CDU) über die Gründe seines Abgangs, die Grabenkämpfe im Kieler Kabinett und den leichtfertigen Umgang der Politik mit den Milliardenrisiken der teilweise landeseigenen HSH Nordbank." Mehr hier

Was soll denn diese Aussage: "Europas Südschiene und Irland sind bankrott - und die Politik will es nicht wahrhaben"? Steht auf Seite 222. Das ist eine der Stellen, an denen sich die Autoren weit herunter auf "BILD"-Niveau begeben. Die Politik weiss Bescheid, das steht längst außer Frage. Was in Südeuropa und in Irland passiert ist, haben die politischen Strippenzieher aus der Finanzindustrie zu verantworten. Bankrott inklusive. Der Euro trägt daran keinerlei Schuld. Das ist Blödsinn. Es kann auch keiner ein "überzeugter Europäer" sein und gleichzeitig "ein strikter Gegner des Euro". Das ist für uns unvereinbar! Das ist Rosinenpickerei, die nicht funktionieren kann. Eine Wirtschaftsunion Europa geht nicht ohne eine politische Integration, ein Binnenmarkt von der Größe Europas braucht eine gemeinschaftliche Währung. Es wird Zeit, den Murks von Maastricht endlich auszumerzen und an die Realitäten und die Zeit anzupassen. Die Notenbanken in Großbritannien, Japan und den USA machen es vor, was erforderlich ist. Es ist die Handlungsunfähigkeit der politischen Eliten in Berlin und Brüssel, die die EZB dazu zwingen, ihren Handlungsspielraum stellenweise zu überdehnen. Und damit gleichzeitig der Finanzindustrie (Goldman Sachs) das Heft in die Hand geben. Das gilt es anzuprangern, nicht die Währung an sich. 

Und noch einmal entdecken wir einen völligen Nonsens: "Die EZB steht vor einem gravierenden Problem - einem möglichen Bankrott" auf Seite 255. Es ist schlicht eine (Not-?)Lüge, wenn die Autoren behaupten, dass der deutsche Steuerzahler anteilig für die Schulden der EZB haftet! Diese Aussage ist kein bloßer Lappsus, sondern wird gezielt gestreut (Teil der "Sinn'schen Leere") und für uns nicht tolerabel. Sie führt zu einer deutlichen Abwertung des Buches.       
Auf Seite 295 stellen die Autoren die Frage "Warum wird an dem System nichts geändert?". Ihr Versuch einer Antwort ist dürftig. Da wäre deutlich mehr möglich gewesen.
 
Fazit: Wir haben den Eindruck gewonnen, Weik & Friedrich sind bei der Recherche für dieses Buch nicht auf die Straße gegangen, sondern in ihrer kuschelig warmen Stube hocken geblieben, gut behütet von der "akademischen" Regel, entliehen bei Christian Morgenstern: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf". Für ein solches Buch, mit diesem Anspruch - "Sorgen Sie dafür, dass Sie nicht zu den Verlieren gehören!" - ist es nicht akzeptabel.  



Quelle: truthdig.com


Wir werden diesen Standpunkt in loser Reihenfolge fortsetzen und unseren LeserInnen zukünftig Empfehlungen für den Auf- und Ausbau einer krisenbezogenen Büchersammlung geben. 

Unser nächster Standpunkt beschäftigt sich mit einem längst überfälligen Thema: Dem zweiten und vorläufig letzten Teil zum Thema Goldverbot. Teil 1 gibt es hier.