Sonntag, 1. Januar 2012

Standpunkt 134 - US-Wirtschaft und die Ökonomen

 

Henry Mintzberg: Wer bringt die US-Wirtschaft in Ordnung?


Der Kanadier Henry Mintzberg ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Management an der McGill University (www.mintzberg.org).

Es gibt Beiträge, die müssen nur entdeckt, nicht erst geschreiben werden. Der folgende gehört unbedingt dazu. Erschienen kurz vor Weihnachten bei “project-syndicate.org”. Wir wollen hier nicht lange vorreden, dieser Artikel gehört gelesen, sonst nichts. Unbedingt  etwas für die Anhänger der Kant’schen Empfehlung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Bei dem folgenden Text handelt es sich wie immer um die bei “project-syndicate.org” angebotene originale Übersetzung. Das Copyright liegt selbstverständlich bei “Project Syndicate“. Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.

„MONTREAL – Viele Kommentare zur aktuellen Lage der amerikanischen Wirtschaft lassen den Eindruck entstehen, dass die Probleme von Wirtschaftswissenschaftlern gelöst werden sollten. Aber in Washington wimmelt es von intelligenten Ökonomen und die Probleme bleiben.

Eine Volkswirtschaft gleicht einer Wolke: Nur in ihrem Inneren erkennt man, wie diffus sie ist – und das, worauf es ankommt, sind die Partikel des Nebels, aus dem sie besteht.

Eine Volkswirtschaft lässt sich als Kumulation von Transaktionen von Waren und Dienstleistungen beschreiben, die vorwiegend von Unternehmen getätigt werden. Das Verhalten dieser Unternehmen ist ausschlaggebend. Es ist allerdings nicht hinreichend aus der distanzierten Perspektive ökonomischer Modelle und Statistiken erfassbar, sondern nur an Ort und Stelle – dort, wo eine Wirtschaft aufgebaut wird, wo sie zusammenbricht und wo sie in Ordnung gebracht werden muss.
Dabei finden wir zwei Arten von Unternehmen vor: Diejenigen, die auf Erforschung setzen und diejenigen, die auf Ausbeutung setzen. In jeder Volkswirtschaft sind beide vertreten, eine gesunde Wirtschaft favorisiert allerdings die Forschenden. Dies kommt dem Unternehmergeist zugute, durch den die Vereinigten Staaten zur treibenden Wirtschaftsmacht geworden sind. Bedauerlicherweise gibt die amerikanische Wirtschaft inzwischen den Ausbeutern den Vorzug.

Wirtschaftliche Entwicklung durchläuft einen Kreislauf, der mit jungen, forschenden Unternehmen beginnt, die neue Produkte, Dienstleistungen und Verfahren auf den Markt bringen. Im Lauf der Zeit, wenn sich der Erfolg einstellt, entwickeln sich viele Forschende zu Ausbeutern. Sie sättigen ihre Märkte, die Ideen gehen ihnen aus, und sie werden faul. Anstatt neue Produkte zu entwickeln, erweitern sie also ihre Produktreihen; sie senken die Kosten, indem sie Druck auf ihre Belegschaft ausüben; leisten Lobbyarbeit bei ihren Regierungen, um begünstigt zu werden; fusionieren mit Konkurrenten, um den Wettbewerb zu verringern und manipulieren Kunden, um auch noch den letzten Cent aus ihnen herauszuholen.

Diese Unternehmen haben den kreativen Herausforderungen der nächsten Welle von Forschenden nichts entgegenzusetzen – den schnellen neuen Firmen, die den behäbigen alten die Stirn bieten – und der Kreislauf aus Zerstörung und Wiederaufbau beginnt von Neuem.

Stellen wir dies dem Amerika der staatlichen Rettungsaktionen (Bailouts) gegenüber, in dem die Behäbigen als „zu groß, um zu scheitern“ betrachtet werden. Viele sind tatsächlich zu groß – oder zumindest zu heruntergewirtschaftet –, um erfolgreich sein zu können. Wie sollte man sonst erklären, warum große Banken und Versicherungsgesellschaften ihre Zukunft für Hypothekengeschäfte riskieren, die sich bei etwas eingehenderer Betrachtung unmittelbar als Schrott erweisen? Ihre Führungskräfte haben es entweder nicht gewusst oder sind zynisch davon ausgegangen, dass sie damit davonkommen würden, während es den restlichen Managern entweder egal war oder nicht gelungen ist, zu ihren Vorgesetzten durchzudringen.

Dieses amerikanische Problem geht weit über Bailouts hinaus. Jedem Apple und jedem Google – den Forschenden par excellence – muss man die Energieunternehmen mit ihren behaglichen Steuervergünstigen entgegenstellen, die Rüstungskonzerne, die ihr Einkommen durch den öffentlichen Haushalt bestreiten und die Pharmaunternehmen, die ihre Innovationen kaufen und die Preise so hoch ansetzen, wie der Markt es gerade noch zulässt, dank der Patente die Regierungen erteilen, ohne die Inhaber derselben zu beaufsichtigen.

Damit nicht genug, viele neu gegründete US-Unternehmen entscheiden sich heutzutage gleich für Ausbeuterei. Während amerikanische Unternehmer traditionell geneigt waren, ein nachhaltiges Vermächtnis aufzubauen, trachten heute viele nach einem frühzeitigen Börsengang, um sich ihre Anteile schnell ausbezahlen lassen zu können. Von einer gesunden Entwicklung kann keine Rede sein, und vieles von dem, was es zu lernen gäbe, fällt weg.

Wenn Ökonomen mit Amerikas großartiger Produktivität prahlen, haben sie Ausbeutung im Sinn – die Suche nach Mitteln und Wegen der Optimierung, insbesondere durch überlegene Prozesse. Tatsächlich trägt ein Großteil dieser „Produktivität“ zerstörerisch ausbeutende Züge. Man denke an all die Unternehmen, die zuhauf Angestellte feuern, sobald der Aktienkurs einbricht und überarbeitete, unterbezahlte Mitarbeiter und ausgebrannte Manager zurücklassen, während sich die Führungsetage mit ihren Bonuszahlungen absetzt.

Wohin das führt wird deutlich, wenn man sich vorstellt, dass eine Firma alle ihre Beschäftigten feuert und ihre Verkäufe aus Lagerbeständen tätigt. Das wäre wirtschaftsstatistisch äußerst produktiv – natürlich nur bis dem Unternehmen die Bestände ausgehen. Dem Unternehmen Amerika gehen die Bestände aus.

Wenn man es auf diese Art und Weise betrachtet, gibt es keine schnelle Lösung für die gegenwärtigen wirtschaftlichen Probleme in Amerika. Es ist keine Kunst, Arbeitnehmer zu entlassen oder sogar Geld zu drucken; die Änderung dysfunktionaler Verhaltensweisen in Unternehmen hingegen schon. Es sind die Unternehmen, jedes für sich, an seinem Standort, die die US-Wirtschaft in Ordnung bringen müssen. Die Einstellung wird sich ändern müssen, was große Hingabe und Geduld voraussetzt – Eigenschaften, die heutzutage in den USA offenbar Mangelware sind.

Amerikas Vorstandsetagen sind ein guter Ausgangspunkt: Von Gier getriebene Opportunisten müssen weichen, um Platz für echte Führungskompetenz zu schaffen. Das ist der einfache Teil: Sobald die obszönen Vergütungspakete abgeschafft sind, werden die Söldner verschwinden. Dann können Menschen an ihre Stelle treten, denen es am Herzen liegt, respektable Unternehmen aufzubauen und zu erhalten – und die dieses Unterfangen als etwas begreifen, das nur im Team gelingen kann.

Der Aufbau erfolgreicher Unternehmen braucht seine Zeit – Zeit, die damit verbracht wird bessere Produkte zu erfinden, effektiveren Dienst am Kunden zu leisten und Mitarbeiter auf eine Art und Weise zu unterstützen, die ihrer Leistungsbereitschaft förderlich ist. Auch Symbole spielen eine Rolle: Der Begriff „Humanressourcen“ gehört abgeschafft, denn ein hervorragendes Unternehmen ist eine Gemeinschaft engagierter Menschen und keine Anhäufung losgelösten Kapitals.

Staatliche Unterstützung sollte vom Schutz großer etablierter Unternehmen auf die Wachstumsförderung neuerer Unternehmen verlagert werden. Und Neugründungen sollten davon abgehalten werden, sich überstürzt in die Umklammerung kurzsichtiger Analysten am Aktienmarkt zu begeben (und manch ein etabliertes Unternehmen sollte ermutigt werden, sich dieser Umklammerung zu entwinden). Parallel dazu sollten Möglichkeiten der Regulierung und Besteuerung genutzt werden, um zerstörerisches Daytrading und andere ausbeuterische Spekulationen in Schranken zu halten, die nachhaltige Investitionen verdrängen und reguläre Geschäftstätigkeiten stören.

Was die amerikanische Wirtschaft vor allem braucht, sind Manager, die ihre Unternehmen kennen und wichtig nehmen. Ein ganzes Heer von Betriebswirten, das dafür ausgebildet wurde, alles im Allgemeinen, aber nichts im Besonderen zu managen, ist Teil des Problems, nicht die Lösung. Das gilt auch für Wirtschaftswissenschaftler, die Wolken untersuchen ohne jemals nass zu werden.“