Montag, 30. Januar 2012

Standpunkt 162 - Europas Krise (16) - Lehman Brothers

Europas Krise: Titel, Thesen, Lösungen! - Folge 16 


Barry Eichengreen: „Die Griechen sind eure Lehman Brothers“

Europa gibt sich heute zum x-ten Mal die Mühe, für seine schweren Probleme eine oder gleich mehrere Lösungen zu finden: Wieder einmal findet in Brüssel ein Gipfel statt. Ein Gipfel, bei dem Griechenland – angeblich – kein Thema ist (Quelle: “wiwo.de”, 29.01.2011, “Griechenland ist kein Thema”). Wer’s glaubt ...

Stattdessen geht es um die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit oder die Abstimmung des europäischen Fiskalpaktes, der ulitmativen Waffen gegen die Schuldenmacher. Wie verheissungsvoll … Nur sehen Lösungen anders aus.

Vieles richtige ist in den Monaten seit Beginn der Schuldenkrise schon gesagt und geschrieben worden. Offensichtlich hat das aber niemand in den Machtzirkeln Europas interessiert und gelesen. Gerade deshalb eine gute Gelegenheit, diese Beiträge jetzt, mitten im Finale der griechischen Tragödie und zu Beginn der portugiesischen, noch einmal aus unserem Archiv zu holen und hier in dieser Reihe zu präsentieren.

Heute überlassen wir es dem US-Ökonom Barry Eichengreen unter der Überschrift „Die Griechen sind eure Lehman Brothers“, veröffentlicht am 03.05.2010 in der F.A.S., wichtige Zusammenhänge der Krise zu erklären. Ideen, diese Krise frühzeitig einzudämmen, lieferte Eichengreen gleich mit.

Was aus der Krise geworden ist, können wir täglich hören/lesen/sehen: Eine Spielwiese für politische und akademische Dilettanten, ego-gesteuert und macht-verliebt. Umschwärmt von einer Journaille, für die Josef Pulitzer nur Verachtung übrig hätte. Dominiert von Wortführern, die nur eines wollen: sich reden hören.

Das folgende Interview drucken wir im Original ab. Das Copyright bleibt natürlich bei der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.


»Der amerikanische Wissenschaftler Barry Eichengreen, Jahrgang 1952, ist einer der renommiertesten Analytiker der Weltwirtschaft. Er lehrt Ökonomie und politische Wissenschaften an der University of California in Berkeley bei San Francisco. In den neunziger Jahren beriet der in Yale ausgebildete Professor zudem den Internationalen Währungsfonds. Mit Blick auf Europa warnte Eichengreen schon früh, dass eine einheitliche Währung einen höheren Umverteilungsbedarf zwischen starken und schwächeren Volkswirtschaften nach sich ziehe.

Herr Eichengreen, erst brennt's im Finanzdistrikt, jetzt in der Eurozone. Wann geht der Feuerwehr das Wasser aus? 

Ich denke, wir haben genügend Wasser, wenn wir vernünftig damit umgehen. Und vor allem: Wenn die Europäer jetzt schnell und entschlossen löschen. Ihre Regierungen haben schon zu viel Zeit verloren. Gerade in Deutschland hat man geglaubt, auf Zeit spielen zu können.

Wie ernst ist die Lage? 

Die Krise ist sehr gefährlich für den Euro. Wenn Sie mir als Amerikaner diese Bemerkung erlauben: Die Griechen sind eure Lehman Brothers. Wir stehen jetzt an einem Wendepunkt. Wenn ihr Europäer in den nächsten Tagen die Lage nicht in den Griff bekommt, droht ein Absturz der Wirtschaft, das gefürchtete „double dip“-Szenario. Wir in Amerika haben es mit Lehman nicht gut gemacht, Europa hat jetzt die Chance, es besser zu machen. 

Sind die Fälle wirklich vergleichbar? 

Natürlich gibt es Unterschiede, im Fall von Lehman bestand das Ansteckungsrisiko in dem Gegenüber, den Geschäftspartnern der Investmentbank. Griechenland ist ein Problem der Psychologie. Beide Male aber geht es um verlorenes Vertrauen, beide Male wären die Folgen verheerend. 

Dabei hatten alle gehofft, das Schlimmste sei überstanden. Kehrt jetzt die Angst zurück? 

Ja. Der Internationale Währungsfonds hat für Europa kürzlich noch drei Prozent Wachstum für 2010 prognostiziert, jetzt sind eher minus drei Prozent realistisch. Die Furcht vor dem Absturz, die wir Ende 2008, Anfang 2009 hatten, kehrt zurück. Es droht wieder ein Deflations-Szenario, auch wenn öffentlich noch nicht davon gesprochen wird. Wir steuern in eine tiefe deflationäre Krise, verbunden mit hoher Unsicherheit, hoher Volatilität. 

Was also empfehlen Sie den Europäern? 

Abgesehen von dem offensichtlichen Zwang, dass Länder wie Griechenland und Spanien ihre Finanzen in Ordnung bringen, sind drei Dinge nötig: Europa, und damit auch Deutschland, muss Griechenland mit 150 Milliarden Euro über die Brücke helfen, damit es drei Jahre Zeit gewinnt. Dann sollte, zweitens, die Europäische Zentralbank Staatsanleihen am Sekundärmarkt aufkaufen - griechische Bonds, portugiesische, spanische, italienische - um deren Kurse zu stützen, das ist durch die Regularien der EZB gedeckt. 

Die Deutschen brauchen deswegen übrigens nicht gleich aufs Dach zu steigen und panisch vor der Geldentwertung zu warnen. Entspannt euch, es gibt keine Inflation, im Gegenteil. Womit ich bei Punkt drei wäre: Die deutsche Regierung muss ein Programm auflegen zur Stimulation der inländischen Nachfrage, um den deflationären Tendenzen entgegenzuwirken.
 
Moment, noch ein Konjunkturprogramm? Deutschland ächzt jetzt schon unter einer Rekordverschuldung. Und Sie verlangen noch höhere Defizite?
 
Ja. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. 

Und wer soll das alles bezahlen?
 
Deutsche Bundesanleihen sind am Kapitalmarkt begehrt, die Zinsen niedrig. Wo also ist das Problem? Regierungen sollten in guten Zeiten Überschüsse erwirtschaften, in schlechten Defizite in Kauf nehmen, um die Wirtschaft zu stützen - auch wenn ich weiß, dass Defizite nicht populär sind in Deutschland. Aber die Zeiten sind nicht nach populärer Politik. 

Ob populär oder nicht, die Politik hat sich an Gesetze zu halten: Und andere Euro-Staaten rauszupauken ist im Stabilitätspakt nicht vorgesehen.
 
Ohne ein Experte in der Frage zu sein, bin ich sicher, dass auch deutsche Gerichte die Notwendigkeit für einen Bailout anerkennen werden. Fakten sind nun mal Fakten - unabhängig von der Frage, was früher falsch gemacht worden ist.

Könnten die Griechen nicht einfach aus dem Euro-Club austreten, in den sie sich eh nur reingemogelt haben?
 
Die Debatte über einen Austritt ist Science-Fiction, tauglich vielleicht als Thema für die Gartenparty, aber nicht für die Politik. Ich kann die Deutschen nur warnen: Kehren Sie zurück in die Realität. Wenn der Bundestag jetzt nein sagt zur Rettung der Griechen, explodiert der Markt. Dann müssen noch mehr Staaten raus- gepaukt werden. Das kostet noch ein paar hundert Milliarden mehr. 

Ihre These war stets: Ein Austritt aus der Währungsunion ist so wahrscheinlich wie dass ein Meteorit aus dem All im Eurotower in Frankfurt einschlägt. Glauben Sie das auch noch nach den Turbulenzen der letzten Tage? 

Die Erfahrungen der letzten drei Krisenjahre lehrt uns, dass vieles, was früher für undenkbar gehalten wurde, möglich wird. Trotzdem bleibe ich dabei: Die Wahrscheinlichkeit für einen Austritt ist verschwindend gering, auch für Griechenland. 

Was wäre so schlimm, wenn die Griechen wieder mit Drachmen bezahlen würden?
 
Es würde Griechenlands Probleme nur verschlimmern. Die Schulden, staatliche wie private, sind in Euro, und nach einer Abwertung noch schwerer zu bedienen. Darüber hinaus stellen sich unüberwindbare technische Probleme: Griechenland ist die älteste Demokratie der Welt. Ein Austritt müsste im Parlament debattiert und beschlossen werden. Was würden Sie als Grieche tun, wenn Sie hören, dass Ihre Regierung vorhat, die Drachme wieder einzuführen, um gegen den Euro abzuwerten?

So schnell wie möglich zur Bank laufen, um die Euros in Sicherheit bringen.
 
Eben. Das Resultat wäre der größte Bankensturm aller Zeiten, der größte Anleihen-Kollaps, der größte Börsencrash. Das Austrittsszenario ist für Griechenland so unwahrscheinlich wie für Deutschland.
 
Hier hätten viele nichts dagegen, die D-Mark zurückzubekommen.
 
Ich räume ein, dass die heutige Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat, anders auf Europa schaut. Trotzdem: Deutschland hat viel zu viel investiert in das europäische Projekt, als dass man es jetzt riskiert, eines Morgens aufzuwachen und zu beschließen: Wir führen die D-Mark wieder ein. Auch die Diskussion, ob der Euro ein Fehler war, mag ein interessantes Party-Thema sein - mehr nicht. Genauso gut könnten Sie darüber streiten, ob es eine gute Idee war, Florida als amerikanischen Bundesstaat aufzunehmen. Manchmal sind Entscheidungen, die einmal getroffen wurden, irreversibel.
 
Also läuft alles weiter wie bisher?
 
Nein, das habe ich nicht gesagt. Fehler müssen korrigiert werden. So war es ein Fehler, keinen Mechanismus für Notlandungen in Finanzkrisen etabliert zu haben, auch keinen Mechanismus für zahlungsunfähige Länder. Nun hat Europa die Wahl: Entweder man marschiert vorwärts und schafft sich diese Mechanismen. Oder man gibt das Projekt auf. Ich bin zuversichtlich, dass die Entscheidung lauten wird: Wir marschieren voran. «

Das Gespräch führte Georg Meck.